Jugendstil: Spätfolgen von Fukushima

Jugendstil
Spätfolgen von Fukushima

Bis zur Kunstmarkt-Krise von 1991 bekamen japanische Kunstsammler nicht genug vom Jugendstil. Ihre Marktmacht war so groß, dass sie die Preise festlegen und mehrere Museen gründen konnten. Jetzt wurde eines von ihnen aufgelöst und in Paris versteigert.
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ParisSotheby's nahm am 16. Februar in Paris mehr als 7 Millionen Euro für die Jugendstil-Auktion des japanischen Garden Museum Nagoya ein. Wie schon vor 20 Jahren setzte das Auktionshaus damit einen Weltrekord für eine Jugendstil-Sammlung. Das Ergebnis summiert sich aus 6,7 Millionen Euro Umsatz der Versteigerung und mehr als 400.000 Euro aus einem bereits vor der Auktion durch die Stadt Reims getätigten Ankauf von drei Möbeln Emil Gallés.

Hunger auf Jugendstil

Anders als die amerikanischen und europäischen Sammler, die sich auf die strenge Formensprache des Art-déco konzentrierten, rafften die Japaner bis zur Kunstmarktkrise von 1991 große Mengen an Jugendstil-Objekten zusammen. Sie legten die Preise fest und gründeten mehrere Spezialmuseen. 1994 eröffnete der japanische Immobilien-Magnat Takeo Horiuchi für seine Jugendstil-Sammlung das „Louis C. Tiffany Garden Museum“ in Nagoya (Japan). Horiuchi erwarb neben Werken von Tiffany auch europäische Jugendstil-Objekte und Möbel, die vom sogenannten „Japonismus“ geprägt sind, also japanische Stilelemente und Motive aufweisen.

Horiuchi zieht Konsequenzen

Nach der Katastrophe von Fukushima 2011 verzichtete Horiuchi wegen der Erdbebengefahr auf den Bau eines geplanten Museums beim Berg Fuji. Er trennte sich auf einen Schlag von seiner Sammlung. Mit Hilfe seines Beraters, dem Jugendstilspezialisten Alastar Duncan, verkaufte er seine Sammlung an den US-Auktionator Allen Michaan, der am 17. November 2012 in Alameda (Kalifornien) eine Versteigerung mit 140 Tiffany-Losen abhielt.

Marktstärke von René Lalique

Den europäischen Teil der bei Fachleuten gut bekannten Horiuchi-Sammlung lieferte Michaan bei Sotheby's Paris ein. Dort verdoppelten die 119 verkauften Lose die untere Gesamtpreis-Schätzung. Das am höchsten bewertete Objekt war eines von fünf existierenden Elementen der Bronze-Balustrade, die René Lalique (1860-1945) für seinen Schmuck-Stand bei der Pariser Weltausstellung 1900 entworfen hatte. Dabei handelte es sich um die knapp ein Meter hohe Skulptur einer verführerischen Dame mit Flügeln. Ihr Schätzpreis betrug 200.000 bis 300.000 Euro. Ein Unbekannter erhielt den Zuschlag für 1,2 Millionen Euro inkl. Aufgeld. Der Weltrekord für eine Arbeit von René Lalique, eine Glas- und Metalltüre, liegt seit November 2011 bei über 2 Millionen Euro.

Den bisher höchsten Zuschlag für ein Schmuck-Objekt von Lalique verbuchte Sotheby's für eine fantasievoll gestaltete Taschenuhr aus Gold, Email und Mondstein aus dem Jahr 1899. Sie erzielte 696.750 Euro. Interessanterweise befanden sich drei weitere Schmuckobjekte von René Lalique unter den Toplosen der Auktion. Für den „Orchideen-Schreibtisch“ des Möbelentwerfers und -fabrikanten Louis Majorelle bezahlte ein europäischer Sammler schätzpreisgerechte 330.750 Euro. Das Stück entstand 1903. Mit seinen geschwungenen, vergoldeten Bronzebeschlägen, die in zwei orchideenförmige Lampen münden, gehört es zu den Prunkstücken Majorelles.

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