Juli Zeh
Richtung weisen statt Recht sprechen

Juli Zeh hätte Richterin werden können - aber sie entschied sich um und wurde Schriftstellerin. Heute ist die 35-Jährige eine der wenigen jungen Intellektuellen im Land. Laut und klug greift sie in Debatten ein, provoziert und scheut keine Kontroverse.
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DÜSSELDORF. Es müsste eigentlich ihr Sehnsuchtsort sein. Juli Zeh sitzt im etwas schmalen und dunklen Konferenzraum der "Zeit" im fünften Stock des Hamburger Pressehauses. Es ist die Helmut-Schmidt-Arena, ein Inkubationsraum wohlgewogener deutscher Gesellschaftskritik. Die "Zeit" ist Juli Zehs Lieblingszeitung, schon immer. Dort hat sie viele ihrer Essays veröffentlicht. Nun sitzt sie hier und ist eingeladen zur Blattkritik. Die Redakteure schweigen, einige haben keinen Platz mehr gefunden und stehen; sie warten höflich, dass ihr Gast beginnt. Und dann macht Zeh, was sich als geehrter Fan gehört - sie hält eine Standpauke. Und zwar so richtig.

Zeh zettelt eine Diskussion darüber an, wie kritisch diese Zeitung überhaupt noch sei. Wie sehr philosophische Themen ins Abseits gedrängt worden seien. Sie stänkert, hinterfragt und legt sich mit allen Ressorts zugleich an: alles Scheiße! Ihre Kritik, erinnert sie sich und lacht, sei damals einem simplen Ansatz gefolgt: runtermachen, aber mit Augenzwinkern. Das sei eben ihr Weg. Und dabei wird klar: Diese junge Frau mit dem intensiven Blick, sie kann nicht anders. Provokation? Kontroverse? Ja, bitte.

Die heute 35-Jährige erzählt diese Geschichte gern, und im Hamburger Pressehaus gehört sie zu den Anekdoten. Vor allem aber erzählt diese Szene viel über die Erzählerin selbst. Über eine Prädikatsjuristin, die alles hätte werden können: unabhängige Richterin oder sechsstellig dotierte Anwältin in einer internationalen Großkanzlei. Die sich stattdessen für die Literatur entscheidet, damit den steinigen Weg wählt, um ihrer noch größeren Leidenschaft zu gehorchen. Als sie diese Entscheidung trifft, kann sie noch nicht ahnen, wohin das führt: in das Leben einer preisgekrönten Schriftstellerin, Publizistin und öffentlichen Intellektuellen. Juli Zehs Altersgenossen erklimmen stattdessen seit ein paar Jahren still, ernst und strebsam die Sprossen der Karriereleiter. Sie dagegen hat einen anderen Weg gewählt, schreibt kühle und analytische Romane, diskutiert und provoziert. Zeh wählt das Risiko, hält ihren Kopf ins öffentliche Licht.

Da kann und will jemand nicht anders. Den Moment, wo es im Scheinwerferlicht kalt und einsam um einen werden kann, hat sie aushalten gelernt. Und das auch gewollt. Die Literatur hat dafür ein altes, fast vergessenes Wort: Es heißt Sendung. Bei Juli Zeh klingt das so: "Ich bin eigentlich keine Rampensau. Aber für mich ist es normal, zu sagen, was ich denke, ich habe das nie infrage gestellt."

Für ihren Lektor, den Schriftsteller Burkhard Spinnen, ist das nicht überraschend. Spinnen und Zeh treffen sich zum ersten Mal als Dozent und Studentin in Leipzig. "Man konnte nach 15 Minuten ihr Talent fühlen", erinnert sich Spinnen, "und ihren Drang und die Lust, sich zu äußern. Sie hat eine gewaltige Energie." Sagen, was sie denkt. Das wirkt nicht nur so, es ist die lakonische Haltung einer, die es sich leisten kann, selbstbewusst zu sein. In der Schule, einem für Auswärtige offenen Internat in Bonn, fliegt ihr alles zu. Zeh ist dabei aber keine Klassenstreberin, es kommt vor, dass sie mit ihren besten Freunden im Unterricht betrunken im Stuhl hängt. "Wir waren Querschläger, nicht brav." Die Schule ist für sie mehr als ein Ort, wo man morgens kommt und mittags geht und sich zwischendrin ein paar Lektionen abholt. Die Klasse wird ihr Trainingszirkel. Es herrscht ein liberaler Ton, Meinungen werden zugelassen, die Schüler diskutieren. Zeh zehrt bis heute davon; es passt wenig zu ihrem nüchternen, überlegten Auftreten, aber fast könnte man meinen, sie schwärmt.

Schreiben tut sie im Gymnasium längst. Schon als Kind krickelt sie Mini-Romane in Schreibschrift in ihre Kladden und versteckt sie vor den Eltern. In der Pubertät folgt das Tagebuch. Nach dem Abitur will sie eigentlich Journalistin werden. Ein Journalistenschüler, den sie kennt, rät ihr zu einem Fachstudium. Zeh entscheidet sich für Jura wie ihr Vater, der in Bonn als Direktor beim Bundestag arbeitet. 1993 zieht sie weg aus der damaligen Noch-Bundeshauptstadt - nach Passau, aus Angst, in einer Großstadt könnte sie sich verlieren. Ihr Wandern zwischen den Schriften, zwischen Gesetz und Literatur, beginnt dort.

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Kommentare zu " Juli Zeh: Richtung weisen statt Recht sprechen"

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  • ich mag ihre ruhige bestimmtheit!
    Großartig. Solches Denken braucht das Land!

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