Kultur + Kunstmarkt
Junge Stars am Piano

Sie sind keine Tastenlöwen, sondern höchst sensible Virtuosen. Die junge Generation asiatischer Pianisten, die jetzt europäische und amerikanische Konzertsäle im Sturm erobern, hat die westliche Spielkultur verinnerlicht.

Es sind Zwanzigjährige, die eine Art Wunderkindkarriere durchliefen, internationale Klavierwettbewerbe gewannen und sich bei westlichen Lehrern ihren letzten Schliff holten: Zwei Chinesen und eine Japanerin sind die neuen Stars der Musikszene. Die Qualität ihres Spiels lässt sich zurzeit nicht nur in den Europatourneen der drei Künstler, sondern auch an frisch erschienenen CD-Aufnahmen überprüfen.

Seit der 1982 in Shenyang geborene Lang Lang auf dem Ravinia Festival 1999 in letzter Minute für den erkrankten André Watts eingesprungen war und Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 1 mit dem Chicago Symphony Orchestra spielte, hat sich sein Ruhm schlagartig verbreitet. Heute ist der Pianist, der sich den Medien gegenüber stets als promotionsbewusster Strahlemann gibt, für Jahre ausgebucht. Ein Konzert in der Großen Halle des Volkes in Peking zog 8 000 Besucher an.

Der zweite Chinese, der seine Weltkarriere in den letzten sieben Jahren zielstrebig aufgebaut hat , ist der in Chonquing geborene Yundi Li, der im Oktober 2000 als Achtzehnjähriger den Frederic Chopin Wettbewerb in Warschau gewann und sich damit in die Spitzengruppe illustrer Vorgänger wie Maurizio Pollini, Martha Argerich und Krystian Zimerman einreihte.

Lang Lang und Yundi Li profitierten in ihrer Ausbildung von der fortschreitenden Öffnung Chinas. Noch in den achtziger Jahren gab es kaum Geld für die Kultur und kaum Fördermaßnahmen für Hochbegabte. In den neunziger Jahren hat die westliche klassische Musik einen Siegeszug in den großen Städten angetreten, wo es inzwischen Konservatorien mit großem Zulauf gibt. Nach inoffiziellen Schätzungen erhalten heute über zehn Millionen Kinder Musikunterricht in China: ein Potenzial, das die Dominanz des Westens auf dem Gebiet der klassischen Musik in den nächsten Jahrzehnten aus den Angeln heben dürfte.

Denn die Asiaten sind längst nicht mehr die puren Lernmaschinen und Musikautomaten, als die sie noch in den achtziger Jahren verschrien waren. Sie sind heute nicht weniger subtil und sensibel als ihre westlichen Altersgenossen. Das gilt auch für die Japaner, deren kollektive Musikerziehung lange als das Tor zur geschliffenen, aber unbeseelten Musikausübung galt.

Die Dritte im Bunde der zwanzigjährigen Asiaten, die japanische Pianistin Yu Kosuge, widerlegt solche Vorurteile aufs Schönste. Die 1983 in Tokio Geborene erhielt in Japan Förderung für Hochbegabte. Als Vierjährige ging sie an die Musikhochschule in Tokio, wo sie neben dem Instrumentalunterricht auch umfassend theoretisch ausgebildet wurde. Das genügte ihr nicht: „Ich wollte nach Deutschland.“ Seit ihrem zehnten Lebensjahr lebt sie hier, um ihre Klaviertechnik zu verfeinern.

Ihre erste Aufnahme für die Weltfirma Sony enthält die zwölf großen Etüden von Franz Liszt: Fixpunkte romantischen Virtuosentums, von denen der auch als Pianist begnadete Komponist Ferrucio Busoni sagte, hier habe „die Technik als Helferin der Idee“ eine gleichrangige Aufgabe. Yu Kosuge bietet eine geschmeidige Lesart, die orchestrale Farben und Pedalwirkungen ausschöpft, ohne sich exzessiv zu gebärden. Die Dämonie in der „Wilden Jagd“, die leise Ironie der „Ricor-danza“-Etüde – das alles könnte kaum perfekter sein. Nur eines wäre zu bemängeln: das Unstete bei Liszt, die tonalen Freiheiten und dramatischen Kontraste sind in dieser glasklaren Interpretation eingeebnet.

Auch die beiden Chinesen repräsentieren einen neuen Typ des Klaviervirtuosen. Nicht nur die Tastenkraft zählt, sondern auch das Gefühl. Lang Lang reichert z. B. Tschaikowskis erstes Klavierkonzert auf seiner Debüt-CD für die Deutsche Grammophon mit starken Tempodehnungen an.

Das rauschende Pathos wird durch gespannte Ruhe aufgebrochen, die Steigerung zum vierfachen Forte im ersten Satz ist beherrschter denn je. Noch die Koda des dritten Satzes hat die Aura privaten Musizierens, das sich gegen pianistische Routine stemmt. Lang beherzigt hier das, was er als Essenz des Werkes sieht: „Zunächst einmal muss man sich genau an den Notentext halten. Und dann muss man nicht nur mit dem Herzen, sondern mit der Seele spielen“. Aber das große Konzert wirkt bei ihm weniger geschlossen als mosaikhaft aufgelöst. Hier wie in Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 1 gibt es keine tieferen Einsichten in die Struktur.

Yundi Li, der vor einem Jahr mit einer geschickt vermarkteten Chopin-CD viel Anerkennung erwarb, tritt jetzt mit einem Liszt-Programm in den Ring, das als Kernstück die h-Moll-Sonate enthält. Er spielt sie „schöner“ als andere Pianisten. Er verbindet Präzision mit höchster Klangkultur. Der Doppeloktavritt der Sonate, die Salven der 3. Etüde und die ausgeprägte Zweistimmigkeit in „La Campanella“ gelingen ihm superb. Das Hintergründige, Dämonische des Lisztschen Ausdruckswillens aber bleibt ihm fremd: Es ist ein durch die Brille Chopins gesehener Liszt, in dem das Schroffe und Moderne nicht den Ton angibt.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Hätschelkinder des Musikbetriebes nicht verheizt werden. Lang Lang absolviert schon jetzt pro Monat zwölf Konzerte, und das ist entschieden zu viel für einen Virtuosen, der das Stadium letzter Reife noch erreichen muss.

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