Juwelen-Messe in Moskau
Rollende Rubel

Getreu dem Credo „Hauptsache teuer“ ist die russische Elite von der westeuropäischen inzwischen in puncto stilsicheren Genusses nicht mehr zu unterscheiden. Wobei – ein bisschen opulenter darf es in Moskau schon sein. Zur Juwelen-Messe geben sich die bestverdienenden Russen ein Stelldichein.

DÜSSELDORF. „Wohin soll es gehen?“ fragt ein Moskauer Taxifahrer seinen Fahrgast. „Ins Prinzip“, so der Sowchos-Bauer aus Sibirien. Er klärt den verdutzten Taxifahrer auf: „Das ist das beste Kaufhaus Moskaus. Bei uns in der Sowchose gibt es fast nichts. Aber in Moskau, sagt meine Frau, da gibt es alles – im Prinzip.“

Der Witz als Reminiszenz an die kommunistische Vergangenheit sorgt noch heute für Heiterkeitsattacken bei Moskowitern. Besonders im Vogue Café, wo sich junge Frauen mit Modelqualitäten zwischen schwarzen Lackmöbeln zum Champagnercocktail treffen und dabei mit diversen Handys hantieren. Es scheint sich um einen Gucci-Fanklub zu handeln, denn ohne ein Accessoire der Luxusmarke ist keine der Grazien. Und das, wo doch alleine die diesbezüglichen Kollektionen der Nobel-Marken von Dolce & Gabbana bis Mont Blanc hier gerne das Dreifache wie in Paris oder Mailand kosten. „Dafür gibt es aber auch dreimal so viel von allem“, verrät Oksana Robski, die mit ihrem Roman „Casual“ bewiesen hat, dass sie zu den Insidern der Nouveaux-Riches-Szene gehört, und empfiehlt für den stilgerechten Einkauf die Tretyakowski-Gasse. Oksana Robski kann sich Luxus leisten, sie ist Teil der Glückseligen, die an der „Rubel-Chaussee“, wie die Rubljowo-Uspenskoje-Chaussee genannt wird, ihr Domizil hat.

Die 30 Kilometer lange Elitemeile führt durch den Nadelwald nordwestlich von Moskau. Putin, Moskaus Bürgermeister Luschkow, die Banker und Ölmagnaten, die Moskau durch die Lust am Luxus zur zweitteuersten Stadt des Kontinents gemacht haben, residieren hier in Märchenschlössern. Neben den 33 Milliardären gibt es etwa 30 000 „einfache“ Millionäre und – so Oksana – davon 2 000, die „etwas zu sagen haben“. Und die eifrig Stile studieren. War es mit der ersten Geldwelle im Restaurant Kleopatra (einem der wenigen Klassiker im Luxussegment) noch Usus, einen Bordeaux zu den Austern zu bestellen – getreu dem Credo „Hauptsache teuer“ –, ist die russische Elite von der westeuropäischen inzwischen in puncto stilsicheren Genusses nicht mehr zu unterscheiden. Wobei – ein bisschen opulenter darf es in Moskau schon sein. Da wirkt das Arart Park Hyatt fast spartanisch. Zumal nach einem Besuch beim „Big Bling“. Moskaus Schmuckmesse, eine der größten der Welt, wartet mit allem auf, was Rang und Namen hat, und als Bonus gibt es Kreationen, die nur hier ein Glänzen in die Augen zaubern. Die Lust am Opulenten teilen die Russen vielleicht gerade noch mit amerikanischen Rap-Stars, die ihrem liebevoll „Bling-Bling“ titulierten Schmuck ganze Songs widmen. Die tönen zuweilen aus den Bentleys der Russen, die vor dem Luxuskaufhaus Tsum parken (lassen) und dabei ostentativ auf sündhaft teure Chronographen schauen. Das ist das Schöne an Moskau: hier wird der Reichtum gelebt. Denn es gibt ja alles. Nur nicht im Prinzip

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