Karikatur
Dreiste Möchtegern-Mäzene

Politische Satire um 1900 ist noch heute aktuell. Das zeigt eine Ausstellung bei dem Münchener Kunsthändler Alexander Kunkel. Von der Bombendrohung bis zum zynischen Firmenboss ist alles dabei.
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MünchenSeine Majestät, Kaiser Wilhelm II., lässt es sich nicht nehmen, die Hofsau von seiner Loge aus zur Strecke zu bringen. Gegeben wird „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber. So wie Albert Weisgerber (1878-1915) den Kaiser 1908 zeichnete – dem Jahr, in dem er die Engländer mit „verrückten Märzhasen“ verglich – kann man ihn kaum ausmachen unter seinem unförmig aufgeblähten schwarzen Mantel. Er kaschiert eine recht füllige Figur und lässt von einem sehr kleinen Kopf nur eine kleine Eiform oben herausragen.

Es ist eine der ganz seltenen Arbeiten von Weisgerber, erklärt der Münchener Kunsthändler Alexander Kunkel, der deshalb auch 12.500 Euro dafür ansetzen kann. „Von dem kommt so gut wie gar nichts auf den Markt.“ Kunkel hat für seine Frühjahrsausstellung rund 30 Werke von Künstlern zusammengestellt, die mit humorvollem und satirischem Blick Politik und Gesellschaft der Jahrhundertwende aufgespießt haben. Zu ihrer Zeit waren sie einem breiten Publikum geläufig, da sie regelmäßig in den beiden ab 1896 in München herausgegebenen Zeitschriften „Jugend“ und „Simplicissimus“ veröffentlichten. Einige Arbeiten hat der junge Kunsthändler bereits verkauft, darunter Heinrich Kleys Gouache einer kapriziösen, unbekleideten Dompteuse, die einen Männchen machenden Drachen zur Raison bringt.

Münchener tun was für die Kunst

Ähnlich wie Weisgerber ist auch Hans Christiansen (1866-1944) von der französischen Plakatkunst, ihrer linearen Eleganz und dem spielerischen Umgang mit Flächen beeinflusst. Christiansen, von dem Kunkel die farbige Studie einer jungen, Trauben erntenden Frau im Angebot hat, ließ sich von den intensiven, ungebrochenen Farbtönen der Nabis inspirieren (5.500 Euro). Sein Gesamtwerk tourt zurzeit durch Deutschland. Nach Stationen auf der Mathildenhöhe in Darmstadt und dem Bröhan-Museum in Berlin wird er im Spätsopmmer in München in der Villa Stuck zu sehen sein.

Etwa um dieselbe Zeit wie Weisgerber karikierte Eduard Thöny Münchener Bierbrauer, die sich auf eine dreiste, derbe Art als Mäzene aufspielen. „Meine Herren! Damit dass d’Leut‘ nicht sagen, wir Münchner tean nix für die Kunst.“ Wissen Sie was, verkünden sie. Wir lassen jetzt ein Etikett für unsere Bierflaschen von einem Maler machen „und zahlen zwanzg’g Markerl. So an armer Schlucker is oft froh, wenn er was z’fressen hat.“ 8.500 Euro hat Kunkel für die schwarzweiß gezeichneten Brauerei-Charaktere angesetzt.

Vorkehrungen gegen Attentate

Derartiger Witz ist heute noch verständlich. Etwas schwieriger lesbar ist die Darstellung von Thomas Theodor Heines (1867-1948) Darstellung „Aus Russland“. Dabei ist sie vor dem Hintergrund des Terrorismus hoch aktuell. Sie zeigt zwei vornehme junge Frauen in Begleitung einer teuflischen grünen Gestalt vor einer palastartigen Architekturkulisse. Kaum sichtbar sind die rauchenden Gefäße, die sie mit hausfraulichem Ordnungssinn wegräumen wollen. Dahinter steht die um 1905 angestiegene Bedrohung der herrschenden Aristokratie durch Bombenattentate.

Viele große Künstler haben sich eingehend mit der Karikatur beschäftigt, von Leonardo da Vinci bis Pablo Picasso. Es ist Alexander Kunkels persönliches Spezialgebiet. Denn bevor er sich 2012 mit dem Kunsthandel Kunkel Fine Art selbständig machte, wurde er mit einer Dissertation über den satirischen Zeichner Heinrich Kley (1863-1945) promoviert.

„Zeichner der Jugend und des Simplicissimus. Glanz und Elend um 1900 im Spiegel der Karikatur“, bis 16. Mai 2015, Kunkel Fine Art, München

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