Karl Hofer
Lebenslust eines „grauen“ Malers

Karl Hofer malte ganz und gar nicht nur in schmutzigen Farben. Die Kunsthalle Emden räumt mit den Klischees über den 1955 gestorbenen deutschen Maler auf.
  • 0

BremenDie beiden Tänzerinnen, die uns keck über die Schulter anschauen, sind nackt. Auf eine sehr natürliche Weise – es soll schon aufreizend wirken, aber nicht obszön. Die markant geschminkten Köpfe tragen Bubikopffrisuren. Ob die beiden Mädchen vor einem Vorhang oder in einem eher abstrakten Bühnenraum auftreten, lässt das Bild offen – der Hintergrund ist mit grünen, gelben und grauen Farbflecken abstrakt belassen.

Um 1927 hat der damals in Berlin lebenden Maler Karl Hofer (1878-1955) dieses Bild von den „Tiller Girls“ gemalt. Die gleichnamige Revuetruppe feierte in den Jahren nach der Hyperinflation Triumphe und kann als Ausdruck eines neuen, modernen Körperbewusstseins und der sexuellen Befreiung in der Zeit der Weimarer Republik angesehen werden. Und genau so hat Hofer diese Tänzerinnen auch gemalt, natürlich, frei und unverklemmt.

Erwerbung von Henri Nannen

In den 1970er Jahren hat der Verleger und Kunstsammler Henri Nannen dieses Bild im Kunsthandel erworben. Zuvor war es in den USA mit jenem historischen Rahmen aus dem 17. Jahrhundert versehen worden, in dem es noch heute steckt. „Tiller Girls“ ist heute das einzige Werk von Karl Hofer in der Kunsthalle Emden www.kunsthalle-emden.de , deren Bestand auf der Sammlung Nannen aufbaut. Und aufbauend auf diesem Werk hat die Kunsthalle nun die Ausstellung „Karl Hofer. Von Lebensspuk und stiller Schönheit“ zusammengestellt. Sie führt rund 75 Gemälde und Zeichnungen aus der gesamten Schaffenszeit des in Karlsruhe geborenen Künstlers zusammen. Die Leihgaben stammen aus Museen und Sammlungen in Deutschland und der Schweiz; zu sehen sind auch einige Werke aus Privatbesitz, die bislang der Öffentlichkeit verborgen waren.

Hofer? Das war doch der Maler von strengen, moralischen, mahnenden, das Unheil der Epoche vorausahnenden Symbolbildern. Ein Warner vor den Nazis, der dann 1933 auch prompt kalt gestellt und dessen Bilder als „entartet“ verfemt wurden. Ein Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit, der zeitlebens an der Figuration festhielt und in den 1950er-Jahren als Streiter gegen die Abstraktion auftrat.

Seite 1:

Lebenslust eines „grauen“ Malers

Seite 2:

Abstraktion gegen Figurenmalerei

Kommentare zu " Karl Hofer: Lebenslust eines „grauen“ Malers"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%