Karsten Bott
Wo Kunst wie ein Riesenflohmarkt ausschaut

300.000 Alltagsgegenstände breitet der besessene Archivar des Banalen, Karsten Bott, in der Kunsthalle Mainz aus. Milchtüten, Zahnpastatuben und Plattenspieler provozieren den Museumsbesucher mit der Frage „Was ist Kunst?“
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MainzAlltag, das ist all das, was uns täglich begegnet. Der Kugelschreiber, die Computer-Maus, das weiße Blatt Papier, die Plastiktüte, die Reißzwecken – und Millionen anderer Dinge mehr. Was Kunst ist, das ist nicht eindeutig definiert, doch werden wir einen Mixer, einen Bleistift oder einen Toilettendeckel nicht für Kunst halten. Doch, sagt etwa der Kunsttheoretiker Arthur C. Danto, wenn er im Zusammenhang mit Warhols „Brillo Boxes“ davon spricht, diese Dinge handelten als Kunstwerke von der Welt, in der wir leben – und wie wir sie wahrnehmen.

Provokation mit Tradition

Seit 1913, als Marcel Duchamp Readymades, also Industrieprodukte wie einen Flaschentrockner oder ein Pissoir keck zum Kunstwerk erklärte,  rumort im Kunstbetrieb die Frage „Wie viel Alltag verträgt die Kunst“. In der Kunsthalle Mainz wird sie nun ein weiteres Mal als Ausstellung ausgebreitet. Karsten Botts Mega-Installation „Von Jedem Eins“ (bis 1. Mai) versammelt zigtausende handelsüblicher Objekte, die der Frankfurter Dinge-Sammler auf dem Boden der Kunsthalle auslegt hat. Dicht an dicht, oft zu Themen-Gruppen geordnet. Der 1960 geborene ehemalige Frankfurter Städel-Schüler hat so ein großes Archiv der Dinge, das da gar kein Durchkommen mehr ist. Deswegen haben Museumsmitarbeiter Stege gebaut, auf denen man nun über die Ausstellung wandelt.

Es riecht muffig

Da liegt alles, wirklich alles, was man sich vorstellen kann. Ein alter Telefunken-Plattenspieler, eine Hakenkreuz-Fahne, Schulhefte, Seifen, Zahnbürsten, leere Milchtüten, Kronkorken, Brillen, Flaschen, Pornohefte. Objets trouvés ohne Ende. Es sieht aus wie auf einem riesigen Flohmarkt, auf dem jeder etwas verkaufen möchte. Die Dinge sind alt oder neu, schmutzig oder sauber, an manchen Ecken der Ausstellung riecht es muffig.

Archivierter Alltag

Die Geschichte einer solchen Kunst ist nicht neu. Die Traditionslinie reicht von den Dadaisten über die Surrealisten und die Pop-Art bis in die Gegenwart. Vor allem ist die Ausstellung höllische Fleißarbeit, gemacht aus Ordnungsliebe, Sammler-Geist und Freude an der Vielfalt. Seine Ausstellungen sind nur ein Teil von Botts Arbeit. Er katalogisiert und archiviert seine Fundstücke seit 1988 in einem „Archiv für Gegenwarts-Geschichte“. Bis ins Kleinste sammelt Bott, sogar alte Kaugummis. Büroklammern zum Beispiel auch, unzählige andere, winzige Dinge, die in Mainz in weiteren Räumen auch in Museums-Vitrinen präsentiert werden. Bott verkauft nichts. Er vertritt eine dokumentarische Richtung in der Kunst und steht außerhalb des Kunstmarktes.

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