Kathedralgotik
Aufgeladen mit Emotionen

Coolness, Stolz, Verträumtheit und Kampfgeist faszinieren an den Naumburger Stiferfiguren. Um sie herum ist eine der besten und schönsten Ausstellungen des Jahrzehnts entstanden. Von C. Herchenröder

NaumburgSie ist die schönste Frau des deutschen Mittelalters, ein Musterbild anmutiger und stolzer Weiblichkeit. Uta, eine der zwölf Stifterfiguren im Westchor des Naumburger Domes, hat nicht nur Generationen von Kunsthistorikern hingerissen. Zwischen 1243 und 1249 in Kalkstein gemeißelt, wird sie seit dem 19. Jahrhundert zu einer Zeitgeist-Ikone, die losgelöst vom kunsthistorischen Kontext eine zunehmend national gefärbte Aura entfaltet. Im Dritten Reich wird sie vollends zum Urbild der deutschen Frau umgebogen, die in Dramen und Romanen ein dubioses mythisches Eigenleben entfaltet.

Die lebensgroßen Stifterpaare Uta und Ekkehard, Regelindis und Hermann stehen im Zentrum einer fast schon sensationellen Ausstellung über die Gotik in der Saalestadt und die Künstlergruppe mit dem Notnamen Naumburger Meister.

Dass Utas Schöpfer ein Deutscher sein musste, stand im Nationalsozialismus außer Frage. Dabei hatte der Kunsthistoriker Georg Dehio doch schon 1890 die gesamten Naumburger Skulpturen in die Nachfolge der französischen Kathedralplastik gestellt. Wanderschaft war an den mittelalterlichen Dombauhütten gang und gäbe.

In über hundert Forschungsjahren hatte sich bereits die These verfestigt, dass der sogenannte Naumburger Meister mit seinen Steinmetzgefährten von Reims über Mainz nach Naumburg und später nach Meißen gezogen ist, um sein Handwerk an allen diesen Stätten auszuüben. Das belegen übereinstimmende Steinmetz-Zeichen.

Selbstherrliche Adelige am Platz der Heiligen und Apostel

Der Naumburger Meister ein Franzose, das vermeintliche Urbild der deutschen Frau die schönste Französin auf deutschem Boden? Auch das wäre eine Übertreibung. Der Bildhauer und seine Mitstreiter hatten zweifellos den Auftrag, mit den zwölf weltlichen Stifterfiguren Idealbildnisse längst gestorbener Mitglieder des Hochadels zu schaffen. Und das im Chor, der sonst nur Heiligen oder den zwölf Aposteln vorbehalten war.
Utas vermeintlich nationale Physiognomie wird in Naumburg zur zeitlosen, emotionsgeladenen Frauenfigur, deren Schönheit sich mit "Herrenbewusstsein" (Dehio) und Distanz verbindet.

Solche Aspekte und weitere anregende Erkenntnisse bietet die mit 500 Exponaten profunde Ausstellung über den Naumburger Meister, die im Naumburger Dom und an vier weiteren Stationen der Saalestadt alte Urteile revidiert und neue, durchweg überzeugende Einsichten gewährt.

In zwei sechs Kilo schweren Katalogen breiten Herausgeber Hartmut Krohm und Holger Kunde das gesamte Wissen über Rezeption, Stil, Architektur, Bildhauerkunst, Querverbindungen, Nachfolge der Naumburger Skulpturen aus.

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