Kemari
Die Kunst, den Ball elegant in der Luft zu halten

Schon die japanischen Samurai kickten. Sie übten sich in Kemari oder Tritt-Ball, um in Form zu bleiben. Aber es zählten nicht Tore, sondern die Kunst, mit geschickten Tritten den Ball möglichst lange in der Luft halten. Eine Schau über diese Kunst zeigt nun das Deutsche Ledermuseum.

HB OFFENBACH. An die 4000 Mal je Spiel soll dies den Vorgängern von Ballack und Co. gelungen sein. Das Deutsche Ledermuseum (DLM) in Offenbach gibt von diesem Samstag an (6. Mai bis 16. Juli) erstmals Einblick in seine Sammlung zum ältesten japanischen Fußballspiel. Kemari war bereits im 7. Jahrhundert bekannt. Es wird bis heute an Festtagen im Januar und Juli aufgeführt.

Das historische Mannschaftsspiel war und ist kein Volksvergnügen. „Kemari ist rituell-religiös unterlegt und wurde am Kaiserhof in Kyoto, vom Adel und den Samurai ausgeübt. Shinto-Priester betrieben es zum Wohlergehen von Land und Volk und für die Fruchtbarkeit der Felder“, erzählt die Sinologin Annette Bügener. Sie entdeckte die Exponate vor Jahren in einer verstaubten Kiste im Museumsmagazin. Möglicherweise diente das Spiel einst als Orakel für den Verlauf des Jahres.

Wie Bügener berichtet, markierten statt Eckfahnen vier Bäume – Sinnbilder der Jahreszeiten – das sandige Spielfeld, Fächer wiesen den Spielern ihren Standplatz zu. Die bis zu vier Spieler starken Teams trugen prächtige, ausladende Seidengewänder, weite Hosen und schwarz lackierte Eboshi-Hüte. An weite Abschläge oder gar Laufen war in dieser zeremoniellen Aufmachung nicht zu denken. Geboten war vielmehr ein elegantes, „wohlabgewogenes Hochschnellen des Balls von Spieler zu Spieler“, was sowohl Konzentration und Kondition förderte als auch extreme Körperbeherrschung verlangte.

Der Ball durfte ausschließlich mit dem Fußspann von Spieler zu Spieler befördert werden. Handspiel, Rempeleien oder gar Versuche, den Gegner auszutricksen, waren streng verpönt. „Unter dem Gewicht der schweren Seide wären Berührungen mit Knie oder Armen ja auch kaum machbar“, sagt Museumsdirektor Christian Rathke schmunzelnd. Außerdem habe Kemari den Gemeinschaftssinn gestärkt. Für den richtigen Effet des Spielgeräts sorgten die so genannten „Entenschuhe“ mit extra breit geformter Spitze.

„Die Herstellung der Schuhe und des Kemari-Balls blieben über Generationen gehütete Familiengeheimnisse“, berichtet Rathke. Die Ausstellung zeigt neben Dokumenten auch die zur Herstellung notwendigen Utensilien. Der Ball besteht aus zwei Stücken heller Hirschhaut. Zusammengehalten von einem Riemen werden die feuchten Teile in einen Holzbogen gespannt, mit Gerstenkörnern gefüllt und getrocknet. Ergebnis ist die fast runde Form. „Schwarz und weiß bemalte Bälle symbolisierten Mond und Sonne, Frau und Mann, Yin und Yang“, sagt Direktor Rathke. Trotz heftiger Beanspruchung sollen die Bälle an die zehn Jahre gehalten haben.

Zu den Prunkstücken der Offenbacher Präsentation gehören ein moderner Kemari-Ball und zwei historische Holzschnitte. Einer diente ursprünglich als ausfaltbares Kopfkissenbild. „Normalerweise stellen sie erotische Szenen dar, aber unser Bild zeigt eine Kemari- Darstellung. Das ist sehr selten“, beschreibt Rathke das Bild aus dem 18. Jahrhundert. Über den Sinn mutmaßt der Museumschef: Wahrscheinlich habe ein Mann seiner Frau das Spiel erklären wollen.

Im Zuge der Öffnung Japans nach Westen Mitte des 19. Jahrhunderts verlor Kemari weitgehend seine rituelle Bedeutung, es geriet in Vergessenheit. Anfang des 20. Jahrhunderts begann eine Renaissance des ursprünglich in China beheimateten Fußballspiels. Es wird heute unter anderem von Mitgliedern der Kemari-Gesellschaft am Shimogamo- Schrein in Kyoto ausgeübt.

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