Kennerly ist noch immer eine feste Größe in Washington
Mit sich im Reinen

Als Richard Nixon 1973 ein letztes Mal von den Stufen des Weißen Hauses winkte, machte ein junger Fotograf eine Aufnahme, die bis heute zu den Schlüsselbildern des amerikanischen Fotojournalismus zählt.

Wie kein anderer erfasste David Hume Kennerly den Anflug von Ironie und Wehmut auf dem Gesicht des unehrenhaft entlassenen Präsidenten. Kurz darauf machte Nixons Nachfolger Gerald Ford den 27-Jährigen zu seinem offiziellen Fotografen. Seither hat die USA etliche Präsidenten gesehen, Kennerly aber ist immer noch eine feste Größe in Washington. Der Präsidenten-Fotograf hat sich zum Ziel gesetzt, etwas von den politischen Führungsfiguren zu zeigen, was die Fernsehkameras nicht erfassen können.

Kein Kandidat, kein Herausforderer, den der heute 57-Jährige nicht für „Newsweek“, „Life“ oder „Time“ vor der Linse hatte. Die derzeit tobende Wahlschlacht enttäuscht ihn allerdings: „Es fiel mir noch nie so schwer, eine Kampagne zu fotografieren. Jeder ist damit beschäftigt, Schlechtes über den andern zu sagen, schlimmer als je.“

Das war während seiner Zeit mit Präsident Ford noch ganz anders. Kennerly schoss 1974 jenes Foto, auf dem Ford, Rumsfeld und Kissinger bei einem Dinner in Kyoto versuchen, einen Strohhalm zwischen Nase und Unterlippe zu klemmen, angeleitet von herzlich lachenden Geishas.

Und er war dabei, als sich Reagan und Gorbatschow erstmals in Genf trafen: „Der Anfang vom Ende der Sowjetunion. Ich empfinde es als großes Privileg, dabei zu sein, wenn Geschichte gemacht wird“, sagt Kennerly ohne den geringsten Anflug von Arroganz. „Und ich liebe meinen Beruf, weil er mir erlaubt, diese Augenblicke mit anderen zu teilen, ihnen etwas zu zeigen, das sie sonst nicht gesehen hätten.“

Darum scheut er sich auch nicht, Diktatoren vom Kaliber eines Marcos, Baby Doc oder die Führer der Roten Khmer zu fotografieren. In den USA ist er sowohl bei Demokraten als auch bei den Republikanern Dauergast hinter den Kulissen. Er lichtet John Kerry Backstage plaudernd mit Vietnamveteranen ab, Bush mit seinen Töchtern nach einer Rede. „Ich will ein Stück Realität vermitteln, etwas vom Menschen hinter dem Amt zeigen.“

Über seine eigene politische Orientierung schweigt der smarte Fotograf allerdings. „Ich bin kein politischer Mensch.“ Als Journalist habe er neutral zu sein. Es ist vermutlich diese Haltung, die ihm Zutritt zu Bereichen ermöglicht, in die kaum ein Journalist vorher gelangte. Nicht umsonst ist er in Fotografenkreisen als „Master of Access“ bekannt.

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