Ketterer
180 000 Prozent Rendite für den Einlieferer

Ketterer versteigert ein Kirchner-Porträt für 1,45 Mio. Euro, das in den fünfziger Jahren 450 D-Mark gekostet hat. Und auch sonst wurden im dicht besetzten Saal aufregende Gebote erzielt. Die Bietergefechte beschreibt Annegret Erhard, Chefredakteurin von „Kunst und Auktionen“.
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Was halten Sie von einer Rendite von, sagen wir, 180 000 Prozent? Bei einer die Geduld strapazierenden Laufzeit von gut fünfzig Jahren, allerdings inflationsbereinigt.

Diese Traumrendite bescherte die Ketterer-Auktion „Klassische Moderne und Gegenwartskunst“ am 4. Dezember in München einem Einlieferer. Das Toplos war mit einer Taxe von 600 000 Euro ein Kinderporträt von Ernst Ludwig Kirchner, gemalt 1906, als sich der Künstler nach Abschluss seines Architekturstudiums der Malerei zuwandte, die französischen „Fauves“ (Die Wilden) seine maßgeblichen Vorbilder waren und er mit Kollegen die Künstlergemeinschaft „Brücke“ gegründet hatte.

Das Bild ist noch von den damals wirksamen Einfluss der französischen Fauves geprägt. Der 26-Jährige wird sich jedoch rasch lösen. Das für die Entwicklung Kirchners bedeutende Frühwerk stieß auf unerwartet starkes Interesse. Die Gebote stiegen zügig und bei 1,45 Mio. Euro fiel der Hammer (brutto 1,7 Mio.). Die Rendite? Das Bild wurde Mitte der 50er-Jahre in Roman Norbert Ketterers Stuttgarter Kunstkabinett aus dem Nachlass des Künstlers für 450 DM versteigert.

Einer der Unterbieter, der Münchener Rechtsanwalt Wolf-Rüdiger Bub, hatte sich zuvor schon Kokoschkas dekoratives Blumenstillleben für 48 000 Euro netto (Taxe 25 000) gesichert und danach noch eine Münter-Landschaft mit Kindern für 125 000 Euro.

Saalgefecht zwischen Griechen und Türken

Die Stimmung im dicht besetzten Saal war gut, befeuert von Telefonbietern, die sich von den Konkurrenten nur ungern beeindrucken ließen. Ein gewohnt zähes, dabei zielstrebiges Saalgefecht gab es, als Richard Zieglers Ölbild „Die Polizei“ bei 50 000 Euro aufgerufen wurde. Der durch seine leicht exzentrischen, dabei immer amüsanten Auftritte bekannte Agent eines griechischen Sammlers hatte nicht mit so viel Ausdauer des Vertreters einer der wichtigsten türkischen Privatsammlungen moderner Kunst gerechnet und streckte bei 500 000 Euro die Waffen.

Der Auktionsweltrekord für den ab 1933 im Ausland lebenden Künstler, der erst spät wieder nach Pforzheim zurückgekehrt war und dort 1992 im Alter von 101 Jahren starb, war damit innerhalb von Minuten etabliert und dürfte so bald nicht wieder eingestellt werden – und in die griechische Sammlung kam Konrad Felixmüllers Gouache „Tiggaren, der Bettler“ von 1924 (Zuschlag 185 000 Euro/ Taxe 100 000).

Dass maßvolle Taxen, manchmal auch ein bisschen Geduld, dann doch noch Wirkung zeigen, belegt die „Landschaft mit Häusern“ von Moholy-Nagy, die Ketterer im vergangenen Sommer bei einer Taxe von 180 000 Euro nicht weiterreichen konnte, die aber dieses Mal mit einer Schätzung von 140 000 mühelos auf 205 000 Euro gesteigert wurde.

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  • Sehr geehrte Frau Erhard,

    ich bitte Sie um ihren Anruf bzgl. der von mir nicht genehmigten Veröffentlichung meines Namens anlässlich der Ketterer Auktion unter der Kanzleinummer: 089 / 210326

    besten Dank
    Prof. Dr. bub

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