Kiefer wollte kein „Spezialist für den Holocaust“ werden: „Hexenmeister“ Anselm Kiefer wird 60

Kiefer wollte kein „Spezialist für den Holocaust“ werden
„Hexenmeister“ Anselm Kiefer wird 60

In seinem Heimatland umstritten - in Frankreich in Superstar. Die Werke des Beuys-Schülers Anselm Kiefer brechen Tabus und loten die großen Mythen der Menscheit aus. In den USA gilt der bald 60-Jährige als Paradebeispiel einer ehrlichen Vergangenheitsbewältigung.

HB PARIS. Seine Werke brechen lieb gewordene Tabus, loten große Mythen der Menschheit aus und suchen in einer als absurd empfundenen Welt nach Bausteinen der Erinnerung. Maßlos ist Anselm Kiefer auch in der Wahl des Materials: Die Bleiplatten des Kölner Doms dienten ihm zu riesigen Historienbildern unserer Zeit, die auch hohe Räume zu sprengen scheinen, obwohl sie genau „eingepasst“ waren.

Seine Heimat hat der in Donaueschingen geborene Schüler von Joseph Beuys 1992 für einen Neuanfang verlassen. Später siedelte sich der Mann, der in Deutschland so umstritten ist wie anderswo anerkannt, in einer alten Seidenfabrik bei Nîmes am Fuße der südfranzösischen Cevennen an. Dort baut der Künstler, der am Dienstag (8. März) 60 Jahre alt wird, auf seinem 35 Hektar großen Ateliergelände seit mehr als einem Jahrzehnt an einem riesigen Gesamtkunstwerk aus Installationen, unterirdischen Kammern, Glasbauten und Hangars.

In den USA gilt der Nachkriegs-Deutsche mit dem Hang zum Mystischen und Monumentalen als Parade-Beispiel einer ehrlichen Vergangenheitsbewältigung, die bedeutendsten Museen reißen sich um seine Werke. In Kiefers Wahlheimat Frankreich nennt man ihn einen „Hexenmeister“ oder auch den „Dürer des 21. Jahrhunderts“, was auch zeigt, wie schwer sich der zurückhaltende Künstler mit seinen Werken von einsamem Rang einordnen lässt. Kiefer, der neben Georg Baselitz, Gerhard Richter und Markus Lüpertz zu den international anerkannten deutschen Künstlern der Gegenwart zählt, ist ein „Schwergewicht der zeitgenössischen Kunst“ („Le Point“), der sich wie kein anderer gefragt habe, „wie und was man nach Auschwitz noch malen kann“.

Kiefer wollte aber kein „Spezialist für den Holocaust“ werden. In Deutschland einst wegen seiner ironischen und dennoch vielschichtigen Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit sowie mit den deutschen Mythen und der Geschichte einer „zweideutigen Nostalgie“ beschuldigt, hat Kiefer seinen Blick und seine Themenpalette nach dem Weggang vom Irdischen zum Kosmischen hin erweitert. Er baute „Himmelspaläste“ und malt „Sternenlager“ statt der früheren „Dachboden“-Bilder und setzte sich in dem Kapellengewölbe der Pariser Salpêtrière im Jahr 2000 in beeindruckenden Werken mit der jüdischen Kabbala-Mystik auseinander.

Die französische Kulturakademie zeigt noch bis zu Kiefers Geburtstag in ihrer römischen Villa Medici dessen Sternenbilder aus Acryl und Lack, dazu Frauen-Skulpturen mit Metall und Stacheldraht, Stroh und Holz. Und die Fondation Lambert im südfranzösischen Avignon bereitet eine Retrospektive für den Sommer vor. In Deutschland hat es schon länger keine große Einzelschau mit seinen Bildern mehr gegeben.

Nach seinem Studium bei Peter Dreher, Horst Antes und in der Beuys-Klasse an der Düsseldorfer Akademie (1970-72) begann Kiefer, die klassische Historienmalerei umzustülpen, die Helden und Feldherrn zu verbannen und stattdessen an verbrannte Erde, Leid und Vernichtung zu erinnern. Reliefartige Gemälde sowie großformatige Bleiskulpturen entstanden. Von Ende der siebziger Jahre an machten Ausstellungen das Werk vor allem auch in den USA einem faszinierten Publikum bekannt.

Deutschland habe er keinesfalls aus politischen Gründen verlassen, sondern aus rein persönlichen, wird Kiefer nicht müde zu betonen. Er konnte die von ihm erträumte Stiftung „Zweistromland“ im Odenwald nicht verwirklichen, wollte eine Malpause und suchte den Wandel in seiner Kunst - die Erweiterung. Dieser Schritt sollte ihm glücken.

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