Kindheitserinnerungen von Fest
Die Unbeugsamkeit eines Vaters

Es war die Unbeugsamkeit des Vaters, auch in Zeiten der Nazi-Barbarei keine Haaresbreite von der bürgerlichen Kultur abzuweichen, die Joachim Fest für sein Leben prägte. Kurz vor seinem Tod hat er die Erinnerungen an Kindheit und Jugend niedergeschrieben. Ein literarisches Glanzstück.

DÜSSELDORF. Ein Nachmittag um den Jahreswechsel 1936. Der Vater Johannes Fest diktiert seinen Söhnen Wolfgang und dem neunjährigen Joachim einen lateinischen Satz: "Etiam si omnes - ego non! Ist aus Matthäus", erläutert der Vater, "Ölbergszene." Die Botschaft, die der Verfasser mit "Auch wenn alle mitmachen - Ich nicht!" übersetzt, sollen sich die Kinder einbrennen - und niemals vergessen.

Es war die Unbeugsamkeit des Vaters, auch in Zeiten der Nazi-Barbarei keine Haaresbreite von der bürgerlichen Kultur abzuweichen, die Joachim Fest für sein Leben prägte. Das Misstrauen war seine Tugend. Resistent gegen den Zeitgeist, erwies sich Joachim Fest in den Debatten um die deutsche NS-Vergangenheit oftmals als einsamer Streiter, als Einzelgänger.

Am Montagabend ist Joachim Fest gestorben. Kurz vor seinem Tod hat er noch seine Kindheits- und Jugenderinnerungen fertig gestellt. Ein Werk, das den Schlüssel zu einer Lebens- und Geisteswelt aus düsterem Pessimismus und zurückgezogenem Glück liefert.

Den Vater beschreibt Joachim Fest als kraftvollen Charakter, der Tugenden verschiedener Welten in sich vereinte: zugleich Republikaner, Preuße, Katholik und Bildungsbürger. Die Anpassung an die braunen Machthaber kam für Johannes Fest nie in Frage. Das Leben in der Hitler-Diktatur sei ihm "immerzu zum Kotzen", sagte der Vater. Aber viel zu wenige Leute kotzten mit, schreibt der Sohn.

Bereits im April 1933 wurde Johannes Fest als Rektor einer Berliner Schule entlassen. Der Familie blieb wenig mehr als eine Pension von zweihundert Mark. "Es war der Absturz in die ,Povertät?", die darin zum Ausdruck kam, dass Joachim Fest fünfmal geflickte Kleidungsstücke auftrug und keinen Fußball zu Weihnachten bekam. Einmal fragte die Mutter den Vater, ob er nicht doch in die Partei eintreten wolle. Sie sei sich der Heuchelei bewusst, aber was würde das schon ändern. "Das gerade nicht! Es würde alles ändern!" erwiderte der Vater.

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