Kinostart „Only Lovers Left Alive“
Moderne Vampire naschen Blut am Stiel

Independent-Ikone Jim Jarmusch hat einen Vampirfilm gedreht. Ungewöhnlich, steht dieses Genre doch wie kein anderes für Kommerz-Kino. Doch Jarmusch gelingt es tatsächlich, den Blutsaugern neue Facetten hinzuzufügen.
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DüsseldorfNach dem Ende der „Twilight“-Saga war das Kino seltsam verschont geblieben von einer der altgedientesten Gelddruckmaschinen der Filmindustrie – den Vampir-Streifen. Mit „Only Lovers Left Alive“ legt nun aber ein Regie-Veteran ein Werk dieses Genres nach, von dem man das wohl eher weniger erwartet hätte: Independent-Star Jim Jarmusch.

Der Vampir Adam (Tom Hiddleston) ist bereits mehrere Jahrhunderte alt, von der Welt hat er alles gesehen. Das „dunkle“ Mittelalter, die Wiedergeburt der Kunst in der Renaissance - und nun muss er beobachten, wie die Welt wieder einmal zugrunde geht. In einer verlassenen Gegend der einst blühenden Industrie-Metropole Detroit lebt Adam von den Menschen zurückgezogen und widmet sich den ganzen Tag seinem letzten Halt: Der Rock-Musik. Blut besorgt sich der moderne Vampir aus dem Krankenhaus – Menschen auf der Straße zu beißen ist „ja so 17. Jahrhundert“. Zur Entspannung nascht er gefrorenes „Blut am Stiel“.
Adams schwindender Lebensmut wird nur von einer Person bemerkt, die tausende Kilometer entfernt lebt: seiner großen Liebe Eve (Tilda Swinton). Obwohl eben so alt wie Adam, kann Eve ihrem Dasein auf der Erde noch etwas abgewinnen. Um Adam vor einer Dummheit zu bewahren, reist sie ins trostlose Detroit. Die zunächst glückliche Wiedervereinigung des Paares wird jedoch jäh von Eves kleiner Schwester Ava (Mia Wasikowska) durcheinandergewirbelt.

Jim Jarmuschs Werk ist eine Reise durch ein Land der Stimmungen. Auf der einen Seite steht Adam, der durch sein offenbar zu langes Dasein auf der Erde die Menschen hassen gelernt hat – verächtlich nennt er sie nur noch „Zombies“. Mit Detroit hat Jarmusch die perfekte Kulisse für den Niedergang der Menschen gefunden. Nach dem Ende des Industrie-Booms traf die Arbeitslosigkeit die Stadt wie einen Hammer, die einstige Metropole schrumpfte von 1,5 Millionen Einwohnern auf knapp die Hälfte. Das Resultat: Verlassene Viertel, heruntergekommene Häuser – die perfekte Umwelt für Adam, der den Menschen aus dem Weg gehen möchte. Wenn er zusammen mit Eve in seinem Jaguar XJS durch die menschenleeren Straßen der Stadt fährt, wird Detroit zum heimlichen Star des Films.
Adams extreme Ichbezogenheit könnte nerven, wenn sie nicht so verdammt ästhetisch in Szene gesetzt wäre. Selten wurde der Weltschmerz durch eine Person so stilvoll verkörpert.

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Die Musik spielt eine Hauptrolle

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