Klassizismus
Gebändigte Leidenschaft

Zahllose Generationen haben sich an Mythen und Formen der Antike inspiriert. Wie wohnlich und elegant der Rückgriff um 1800 ausfällt, zeigt der Kunsthandel Klaus Spindler an ausgewählten Beispielen.
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MünchenDie Antike war vereinzelt auch im Mittelalter Vorbild. Das zeigt der Stil der hochgotischen Kathedralskulptur in Reims und Bamberg. Aber ab 1764, als Winkelmann seine „Geschichte der Kunst und des Altertums“ herausbringt, heißt die Devise „Edle Einfalt, stille Größe“. Nie zuvor waren antike Formen so weit verbreitet wie im Klassizismus, den Jahren zwischen 1790 und 1820, eine Zeit als sogenannte englische Gärten die Dressur ihrer an Frankreich inspirierten Vorläufer durch schwingende Landschaftskompositionen in grün ersetzten. Ob in der Gartenanlage, bei der Darstellung von Menschen oder Weinranken auf einer Vase – immer geht es im Klassizismus um gebändigte Leidenschaften und einfache, unverschnörkelte Formen.

Inspirationsquelle Antike

Seit Jahrzehnten erfreut sich der europäische Klassizismus großer Beliebtheit. Bisweilen verbindet dieser Stil Formschönheit mit Wissen um antike Göttinnen, Götter und ihre Helfershelfer. Klaus Spindler, Antiquitätenhändler in München mit langjähriger Erfahrung, hat jetzt eine Sonderausstellung zusammengetragen, die „Echo der Antike“ heißt. Sie vereint in drei lebhaft gestrichenen Räumen 35 Kunstwerke aus vier Jahrhunderten: vom barocken Terrakottarelief mit dem strengen Profil des römischen Kaisers Caligula (18.000 Euro) bis zu Großfotografien von Klaus Kinold aus der Münchener Glyptothek (je 11.500 Euro).

Herausragend ist eine unikate, signierte und 1815 datierte Pendule aus farbiger Porzellanmasse von Henri Victor Roguier. Mit den Personifikationen von Amor und Vernunft stellt der Pariser Bildhauer, der für den Hof, wie für die Manufaktur Sèvres tätig war, die Macht der Liebe anschaulich dar: Mit dem süßen Spiel seiner Laute schläfert Amor die Göttin Minerva ein. Die gerüstete Verkörperung der Vernunft wird schwach und sucht Halt auf dem Uhrgehäuse. Herz und Seele werden so Amors Beute. Wer den anmutigen Trost, dass mit dem Verrinnen der Zeit auch Liebe kommen mag, sein eigen nennen will, muss 26.000 Euro investieren.

Götterkopf nicht nur für die Bibliothek

Für den durch Karl Friedrich Schinkel wiederentdeckten „Medici-Krater“ muss der in Sachen Mythologie sattelfeste Kunstfreund 12.000 Euro anlegen. In einer Höhe von 49 cm ist diese elegante Henkelvase in schwarzem Firniss selten. Lockiges Haar, starker Bart, hohe Stirn – der „Zeus von Otricoli“ ist ein prachtvoller Götterkopf (1.900 Euro), den die Magdeburger Gipsformerei vor 150 Jahren reihenweise für Bibliotheken abformte.

Verspielter ist eine schwebende „Psyche“ aus der Möbelfabrikation von Joseph Danhauser in Wien, die zwei Ringe in Händen hält. „Man kennt sie von Darstellungen, auf denen Stoff an einem Bettvorbau durch solche Ringe drapiert ist“, erläutert Spindler die Funktion der schwebenden Schönheit. Doch auch ohne Stoffdekor ist sie ein Hingucker im Raum (4.000 Euro).

Zink statt Eisen

Bereits verkauft sind die Bronze-Büste eines Merkur von C.H. Fischer und die Eisenguss-Version der beliebten „Warwick“-Vase. Nach dieser Ikone der Antikenrezeption wird bis heute der Wimbledon-Pokal gefertigt. Während die schwerere Variante in Eisen in ein Museum geht, ist die leichtere aus grün patiniertem Zink für 3.500 Euro zu haben. Mit ihr holt sich der Käufer auch ein Stück schönster Industriegeschichte in die eigenen vier Wände. Denn K.F. Schinkel hatte den kostengünstigeren Zinkguss nicht nur für die Bauzier außen am Haus, sondern auch für Kronleuchter, Vasen und Figuren empfohlen.

  

„Echo der Antike“
bis 12. November 2011
Kunsthandel Klaus Spindler
Baaderstr.45
80469 München

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