Kultur + Kunstmarkt
Kleine Gefühle

Hans Werner Kettenbachs neuer Roman überzeugt durch die von ihm gewohnte raffinierte Schlichtheit

Und die Gegend am Bahnhof ist schon ziemlich tot um diese Zeit“ – so steht es im ersten Absatz von Hans Werner Kettenbachs neuem Roman, einer „Kleinstadtaffäre“. Der Titel lädt zum Widerspruch: Kann eine Affäre eine kleine Stadt großartig erscheinen lassen? Oder killt das Kaff jede Leidenschaft?

„Es ist freilich kein Buch für Leser, die sich nicht anstrengen möchten, aber die haben mich noch nie interessiert“, lässt Autor Kettenbach seinen Autor Wallet im Roman über dessen Roman sagen. Dieser Wallet ist ein wahrer Kotzbrocken, der mit seiner teuren Reisetasche und seinen billigen Gefühlen in die Mitte von Merzthal platzt. Das erzählt uns der Lokalredakteur.

Man merkt der Story an, dass sie ursprünglich fürs Fernsehen konzipiert war. Ein Drehbuch für den Kopf: Es sind die detaillierten Schilderungen großartiger Kleinigkeiten, die den Film vor dem geistigen Auge ablaufen lassen. Dabei ist Kettenbach wie gewohnt ein Meister des Raffiniert- Schlichten, der schlichten Raffinesse. Auf verschiedensten Ebenen spielt er mit dem Roman im Roman, lässt lesen, konzipieren, verwerfen, ja sogar Vorschuss zahlen. „Sie müssen ja nicht gerade Truman Capote in den Schatten stellen“, versucht der Großstadt-Autor den Kleinstadt-Redakteur auf seine Ebene zu ziehen – zu sich herauf und gerade damit zu sich hinab.

Die Affäre? Sie heißt Susanne. Kettenbach konfrontiert die von vager Hoffnung geschürte Glut der ungelebten großen Liebe des kleinen Redakteurs mit dem Aufflammen der flüchtigen Affäre mit dem Großkotz. Die handelnde und behandelte Frau scheint beides kalt zu lassen.

Am Ende ist nicht nur die Gegend tot, sondern auch der gehörnte Gatte und größenwahnsinnige Kleinstadt-Fabrikant, der fragwürdige „Dual Use Products“ in die große kriegerische Welt lieferte. Mord? Selbstmord? Eigentlich egal.

Der Plot ist platt? Wie das Leben. Eben!

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