Klimawandel
Das Eis taut

Schmelzende Gletscher, wetterfühlige Mitarbeiter - Autoren diskutieren die Ursachen und Folgen des weltweiten Klimawandels.

DÜSSELDORF. Tim Flannery liebt die Zuspitzung. Bis 2050 werde "das menschliche Einwirken auf das Klima alle natürlichen Einflüsse überflügelt haben", wagt er eine fulminante Prophezeiung. Der australische Biologe und Zoologe hat alle verfügbaren Informationen über den globalen Klimawandel gesammelt und sie zu einem alarmierenden Bild verknüpft.

Flannery, in seiner Heimat als Sachbuchautor, Radiokommentator und Dokumentarfilmer populär und international als Forscher und Umweltschützer hervorgetreten, versucht nicht ohne Geschick, die Komplexität der Klimaveränderungen durch lebensnahe Schilderungen anschaulich zu machen. Beispiel Goldkröte: Einst im Monteverde-Regenwald in Costa Rica beheimatet, verlor sie in den achtziger Jahren ihren Lebensraum - Flannery zufolge die erste Spezies, die dem Treibhauseffekt zum Opfer fiel.

Der Autor verfolgt damit einen ähnlichen Ansatz wie schon vor ihm Friedhelm Schwarz. Dieser erläutert in seinem Buch "Und jetzt ... die Wirtschaftsaussichten" leicht verständlich das Zusammenspiel zwischen Menschen, dem Wetter und der Wirtschaft. Dabei überrascht er mit zum Teil völlig neuen Denkansätzen. So leiden beispielsweise immer mehr Menschen unter der so genannten Wetterfühligkeit, die sich in Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwäche zeigt. Allein durch die daraus resultierenden Krankheitstage entgehen der Wirtschaft Millionen.

Flannery, der bereits den Bestseller "Ewige Pioniere" (eine Naturgeschichte Nordamerikas) verfasste, will aber nicht nur den Einfluss des Menschen auf das Klima aufzeigen. Neben der teilweise sehr wissenschaftlichen Analyse sucht er auch nach Lösungen. Im letzten Kapitel seines Buchs diskutiert er die Vor- und Nachteile von Kernenergie, nachwachsenden Rohstoffen und Geothermik. Neue Antworten oder erstaunliche Ergebnisse kann er trotz ausführlicher und guter Recherchen jedoch nicht liefern. Auch wenn das Buch über weite Strecken nicht einfach zu lesen ist, entschädigt es durch kleine Anekdoten, die zum Nachdenken anregen.

Weniger dramatisch sieht Josef H. Reichholf, Zoologe in München, den globalen Klimawandel. Er schaut auf das "letzte Jahrtausend", auf die Zeit, "aus der die Gegenwart kommt", und zieht eine nüchterne Lehre. Das Klima sei nie wirklich "stabil" gewesen, die ökologischen Bedingungen hätten sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende stark verändert. Es lasse sich kein "richtiger Zustand" ausmachen, in dem die Erde und ihr Klima "in Ordnung" gewesen seien. "Naturkatastrophen gab es in ,klimatisch schlechten Zeiten' weit schlimmere für die Menschen als in der jüngsten Vergangenheit." Sein Fazit: "Wir werden auch in Zukunft mit der dynamischen Natur unserer Erde leben und zurechtkommen müssen." Reichholf hat seinen historisch-ökologischen Rückblick zu dem Sammelband "Die Zukunft der Erde - Was verträgt unser Planet noch?" beigesteuert. International ausgewiesene Experten verschiedener Disziplinen beschäftigen sich mit den Kernproblemen des Planeten: wachsender Weltbevölkerung und ihrer Ernährung, Belastbarkeit der globalen und lokalen Ökosysteme auf Grund der ungeheuren Energieverschwendung, Energieknappheit und der Gefahr regionaler Konflikte. All dies steht unter der Leitfrage: Ist der Klimawandel noch beherrschbar?

Die historische Perspektive relativiert dabei den Alarmruf vieler Prognosen. So konstatiert der Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz, dass nach 2015 die Geburten im Weltmaßstab sinken werden, was aber erst gegen Ende des 21. Jahrhunderts zum Schrumpfen der Weltbevölkerung führen wird. Dynamik liegt in der globalen Wanderung. Heute wird die Zahl der internationalen Migranten auf rund 185 Millionen Menschen geschätzt, ein Drittel lebt in Europa.

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