Kochi- Muziris Biennale: Kunstgenuss bei feuchter Hitze

Kochi- Muziris Biennale
Kunstgenuss bei feuchter Hitze

Die Biennale im indischen Kochi erweitert den Horizont. Ihr Künstler-Kurator Jitish Kallat fragt nach Weltbürgertum und Moderne und zeigt: Der Postkolonialismus ist überwunden. Von der in Indien praktizierten Einheit von Kunst und Handwerk könnte der Westen lernen.
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KochiKochi ist einer der jüngsten Punkte auf der Weltkarte der Biennalen. Die gerade zum zweiten Mal stattfindende Veranstaltung im südindischen Bundesstaat Kerala ist nicht nur geographisch eine der exotischsten. Ihre gesamte Struktur und Organisation sind außergewöhnlich. Formal wirken die Bedingungen haarsträubend: Hauptaustragungsort des Festivals mit 94 teilnehmenden Künstlern aus 30 Ländern ist Aspinwall House, ein Komplex von historischen Lagerhäusern, bei dem verschließbare Türen und alte, einfach verglaste Fenster den Gipfel an Klima- und Sicherheitstechnik darstellen. Auch die meisten anderen Locations auf der kleinen Halbinsel, die nacheinander von Portugiesen, Holländern und Briten beherrscht wurde, stammen zumeist aus der Kolonialzeit.

Zentrum für traditionelle Künste 

Entstanden ist die Kochi-Muziris Biennale 2012 aus einer Künstlerinitiative, und sie ist noch immer eine von Künstlern organisierte und kuratierte Veranstaltung; das unterscheidet sie von den meisten anderen. "Kochi ist ein Zentrum für traditionelle Künste", erklärt Shwetal Patel, "aber zeitgenössische Künstler mussten immer nach Delhi oder Mumbai. Die Biennale ist eine Infrastrukturmaßnahme. Es geht zunächst einmal darum, einen Diskurs herzustellen". Als Koordinator ist er sowohl für die Organisation als auch für die Mitteleinwerbung zuständig. Er hat auch die Regionalregierung überzeugen können, etwas zum Gründungskapital einer Stiftung beizutragen. Gleichwohl ist das Budget im Vergleich zu anderen Kunstschauen dieser Dimension klein, der Beitrag der Regionalregierung mit umgerechnet knapp 300.000 Euro sogar ausgesprochen bescheiden.

Der aktuelle Kurator Jitish Kallat gehört zu den wenigen international erfolgreichen indischen Künstlern. Seinem Netzwerk und dem einiger Kollegen, die er um Beiträge gebeten hat, dürfte zu verdanken sein, dass das Budget dann doch reichte. Welche Galerie kann schon Nein sagen, wenn einer ihrer Künstler um logistische oder materielle Hilfe bei der Realisierung eines solchen Projektes bittet?

Verstehen der Welt 

Ein weiteres Merkmal der Kochi-Biennale hängt ebenfalls mit der Organisation durch Künstler zusammen: Der theoretische Überbau ist minimal. Ausgangspunkt von Kallats kuratorischem Ansatz sind zwei Momente in der Geschichte, die für die Entwicklung Keralas und Indiens entscheidend waren: Zum einen das Zeitalter der Entdeckungsreisen im 15. Jahrhundert, als Kochi für den Westen zum Tor nach Indien wurde und umgekehrt Indien in Austausch mit dem Westen trat. Zum anderen Ausgangspunkt seiner Überlegungen machte Kallat das ungefähr gleichzeitige Entstehen der Schule von Kerala, die im 14. Jahrhundert bedeutende Astronomen und Mathematiker hervorbrachte, und mit der ein Bemühen um Weltverstehen über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus einsetzte.

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