Kölner Landgericht
Der unendliche Streit um einen Sensationsfund

Das Kölner Landgericht hat das Kunsthaus Lempertz zu Schadensersatz in Höhe von zwei Millionen Euro wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht verurteilt. Das Auktionshaus will nun in Berufung gehen.
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KölnSeit einigen Jahren sorgt der Fall des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi für Aufsehen im Kunstmarkt. Das Kölner Kunsthaus Lempertz versteigerte im November 2006 das Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“ für knapp 2,9 Millionen Euro (inklusive Aufgeld) an das Unternehmen Trasteco Limited. Mit „Campendonk 1914“ signiert galt das Werk als ein Sensationsfund des rheinischen Expressionisten Heinrich Campendonk (1889-1957), der zum Umfeld der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ zählt; jahrzehntelang galt es als verschollen, nachdem es 1920 in der renommierten Düsseldorfer Galerie Alfred Flechtheim ausgestellt war.

Das bei Lempertz versteigerte Bild stammte jedoch nicht von Campendonk, sondern aus der Werkstatt des Kunstfälschers, weshalb Trasteco zunächst vom Kaufvertrag zurücktrat, um ihn später anzufechten und das Kunsthaus auf Rückzahlung des Kaufpreises zu verklagen. Das Landgericht Köln hat nun entschieden, dass Lempertz den gesamten Kaufpreis an Trasteco zurückzahlen muss.

Das Bild war ohne Abbildung im offiziellen Werkverzeichnis von Campendonk als „Rotes Bild mit Pferden, 1914, Öl a[uf]?, Maße, Signatur und Verbleib unbekannt“ aufgeführt. Zur Vorgeschichte hieß es dort außerdem: „Ausst.: 1920, Düsseldorf, Galerie Flechtheim, Lit./Abb.: A. Kat. Düsseldorf 1920, S. 6, Nr. 11“. Dies alles nannte der Auktionskatalog von Lempertz, erweckte jedoch zudem den Eindruck, das Bild sei im Flechtheim-Katalog abgebildet. Indem der Lempertz-Katalog auch den gefälschten Aufkleber der Galerie Flechtheim von der Bildrückseite abbildete, suggerierte er fälschlicherweise, dass sich die Herkunft des Gemäldes bis 1920 zurückverfolgen ließe.

Wie sich später nach zwei naturwissenschaftlichen Analysen und im Rahmen eines Strafprozesses herausstellte, ist das Bild eine Fälschung Beltracchis, der das Gemälde über eine Komplizin als aus einer fiktiven „Sammlung Werner Jägers“ stammend in die Auktion hatte einliefern lassen. In seinen Auktionsbedingungen hatte sich Lempertz verpflichtet, bei „erwiesener Unechtheit“ binnen drei Jahren seine Kommission zurückzuzahlen und bei Abweichungen von Katalogangaben gegen den Einlieferer vorzugehen und dem Käufer den Kaufpreis zu erstatten. Die Haftung wegen Mängeln war ausgeschlossen. Bereits 1980 hatte der Bundesgerichtshof einen solchen Haftungsausschluss verworfen, wenn sich ein Auktionshaus über Zweifel hinwegsetzt und leicht fahrlässig falsche Katalogangaben macht.

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„Frühwarnsystem“ ist problematisch

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  • Jeder gelernte Jurist, der das Urteil wirklich kennt und aufmerksam gelesen hat, muss sich über dieses wundern. Es enthält klare Widersprüche und offenbart, dass die neue Kammer sich wohl selbst für sachkundiger hielt als die bisherige, die den umfangreichen Beweisbeschluss gefasst hat, in welchen Sachverständige aus dem Kunstmarkt über die Qualität möglicher Pflichtverletzungen befinden sollten. Am Gravierendsten ist aber, dass das Landgericht zunächst rechtsfehlerhaft eine Anfechtung wegen arglistiger Täuschung befürwortet und damit unterstellt hat, das Auktionshaus agiere in der "Höhle des Fälschers", und danach nicht etwa, wie es bereits Studenten lernen, Bereicherungsrecht geprüft hat, sondern Pflichtverletzungen geprüft und befürwortet hat. Hierzu darf man aber gar nicht mehr kommen, wenn eine Anfechtung erfolgreich ist und ein Vertrag damit von Anfang an nichtig ist. Hinzu treten mindestens fünf weitere Schwächen, Ungenauigkeiten und Widersprüche, die eine Würdigung als Präsedenzurteil sicher nicht nahelegen. Auf die Berufung darf man gespannt sein. Ich wage die Prognose, dass der Senat die nunmehr überraschenderweise fallen gelassene Beweisaufnahme der ersten Instanz wird nachholen müssen.

  • Es doch nicht nachvollziehbar,dass der unschuldige Kunsthändler sich die arglistige Täuschung der Einlieferin anrechnen lassen muss. Das wird in der Berufung keinen Bestand haben können!

  • Hat nicht vielleicht das Gericht fahrlässig nach dem Richterwechsel gehandelt?Lempertz hat den besten Kenner für Campendonk,den Nachlassverwalter befragt.Dieser hat das Bild genauso bestätigt wie später auf Grund einer Laboruntersuchung die Expertin Andrea Firmenich.Der Richter bescheingte Lempertz,dass es keinen Verdacht hätte haben müssen.Wieso dann eine Laboruntersuchung? Auch ein Arzt operiert nicht ohne Verdacht.Es ist fahrlässig von dem Autor die Bestätigungen durch den Nachlass und die WVZ Bearbeiterin zu verschweigen.Das Urteil ist merkwürdig.

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