Körper & Geist
Begnadete Zocker

Begnadete Zocker findet man nicht nur am Pokertisch, sondern auch in der Wirtschaft und der Politik – vorausgesetzt, sie haben gelernt, wie Bluffen funktioniert. Es gilt: Je weniger einer beim Bluffen erwischt wird, desto erfolgreicher ist er.

DÜSSELDORF. Caroline von Monaco und Prinz August von Hannover haben es kürzlich in Paris getan. Matt Damon und Ben Affleck tun es regelmäßig und ausgiebig, und von Letzterem heißt es, es liege ihm besser als das Schauspielern: Pokern. Was einmal als zwielichtiges Glücksspiel galt, ist dabei, sich zum trendigen Zeitvertreib, ja zum Sport zu mausern. Pokern hat mittlerweile seinen festen Platz im Deutschen Sportfernsehen und bei Stefan Raab. Hunderttausende packt allein beim Zuschauen schon das Fieber.

Ist es das Existenzielle, was den Reiz des Spiels ausmacht? Vor dem willkürlichen, unberechenbaren Spielglück sind alle Spieler gleich – wie vor dem Tod. Ausgeliefert den Launen des Zufalls. Ganz demokratisch, egal ob reich oder arm, alt oder jung. Und Pokern ist wie das Leben: Wer dem Zufall am besten nachzuhelfen vermag, hat Erfolg.

Der Zufall. Dieses irrationale, unkontrollierbare Element in unserem Leben, mit dem wir irgendwie klarkommen müssen. Ungerecht und amoralisch ist er auch. Der Zufall verhilft auch dem Bösen zum Glück. Seine blinde Macht verführt geradezu, ebenso unmoralisch zu parieren. Hier hat derjenige, der nicht betrügt, schlicht nichts kapiert. Die Schauspielerin Drew Barrymore formuliert das so: „Beim Pokern wird belohnt, was sonst in menschlichen Beziehungen tabu ist: lügen, aggressiv und rücksichtslos sein. Keinerlei Mitgefühl aufbringen für die Verlierer.“

Es gibt Unternehmens-Bosse, die sind dafür berühmt, dass ihr Geschäftsgebaren dem eines Pokerspielers ähnelt. Sie sind nicht sehr beliebt, aber erfolgreich – wie (vorsichtshalber ein Beispiel aus dem Ausland) der französische Industriemagnat Vincent Bolloré. Wenn er sein Kapital in ein börsennotiertes Unternehmen einbringt, kommt Nervosität auf. Und keiner weiß: Will er es nun haben? Oder blufft er bloß? Jagt er die Kurse rauf und verkauft dann seine Aktien wieder? Oder ist er womöglich schon dabei, sich eine Mehrheit und Verbündete zusammenzukaufen und putscht sich gleich in die Unternehmensführung, wie er das im vergangenen Jahr beim Werberiesen Havas getan hat?

Je weniger einer beim Bluffen erwischt wird, desto erfolgreicher ist er. Klappt nicht immer, siehe Gerhard Schröders kühner Ausspruch bei der Elefantenrunde nach seiner Abwahl: „Ich bleibe Regierungschef.“ Da hat er sich in puncto Bluffen auf dem Niveau des Pokerspielers Gus Hansen bewegt, der ein Draufgänger ist und das Enfant terrible der Pokerszene. Als Schröder klar wurde, dass noch so viel Kaltschnäuzigkeit ihm nicht mehr helfen würde, entschuldigte sich der Ex-Kanzler. Am Ende seiner Karriere kann man sich so was erlauben. Es gibt ja dann keine Gegner mehr, die einen nicht mehr ernst nehmen.

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