Kommerzielle Interessen
Kunstexperten geraten in Verruf

Im Fälschungsskandal um die Kunstsammlung Jägers geraten zunehmend auch die Kunstexperten in den Fokus. Hier steht besonders die Frage nach der Vereinbarkeit von Gutachtertätigkeit und Geschäftsinteressen im Vordergrund.
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DüsseldorfWas hinter den Kulissen des Kunsthandels vorgeht, gehört zu den gut gehüteten Geheimnissen der Branche. Jetzt wird im Zusammenhang mit dem vor sechs Monaten öffentlich gewordenen Fälschungsskandal Jägers kräftig an ihnen gerüttelt. Aufgeklärt ist der komplizierte Fall aber noch lange nicht. Was wir auch immer an Erhellendem zur Karriere der Fälscher, über Verfehlungen und Unterlassungen des Kunsthandels erfahren, eines dürfte vor allem interessieren: Was finden die Ermittler über die Rolle der Experten heraus? Gelingt es ihnen, die prekären Verflechtungen mit dem Handel ans Licht zu bringen? Und wird dies Konsequenzen haben für das Tun und Selbstverständnis des Standes?

Die Experten haben einiges zu verlieren, nicht nur ihr Ansehen in Sachen Kompetenz und Urteilsfähigkeit. Was viel nachhaltiger Schmerzen bereitet, ist der Verlust des beruflichen Ethos. Spätestens seit der Max-Ernst-Experte Werner Spies gegenüber Medien zugegeben hat, begutachtete Werke auch gegen Provision vermittelt zu haben, steht die pikante Frage nach der Vereinbarkeit von gutachterlicher Tätigkeit und kommerziellen Interessen im öffentlichen Raum.

Profiteure auf beiden Seiten

Erstaunlich, wie lange der Kunstmarkt damit offenbar gut gelebt hat; im Stillen und mit Bauchschmerzen. Hinter vorgehaltener Hand ärgert man sich über fünfstellige Euro-Honorare französischer Experten, die sich mit russischer Avantgardekunst befassen oder über einschlägige Nachlassorganisationen, die ohne einen fünfstelligen Dollar-Betrag gar nicht erst mit der Arbeit beginnen. Die Profiteure stehen aber auch auf der anderen Seite: „Alles in allem ist der Experte unser bester Verbündeter in puncto Bilder-Marketing“, fasste einst der berühmte Fälscher Eric Hebborn seine Erfahrungen mit jener Spezies zusammen, deren Bedeutung in unmittelbarem Zusammenhang mit den Geldmengen steht, die der Markt bewegt.

Das Geld ist der springende Punkt, in Allianz mit dem Machtfaktor Wissen. Unsichere, aber reiche amerikanische Großsammler waren es, die schon in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts die „zähe Dauerexistenz der Expertise“ begründeten. So formulierte es 1979 Christian Herchenröder, ehemaliger Leiter und Begründer der regelmäßigen Kunstmarkt-Seiten im Handelsblatt, in seinem Buch „Die Kunstmärkte“.

Die meisten Gutachter, die nur für einen Künstler oder ein überschaubares Sachgebiet kompetent sind, üben im Hauptberuf häufig forschungs- und vermittlungsnahe Tätigkeiten. Das ist auch für den gut vernetzten Werner Spies überlebenswichtig. Seine Fachkompetenz hat ihm gleich mehrere einflussreiche Positionen eingetragen, angefangen vom Direktor der Forschungsstelle Max Ernst in Paris, über die Mit-Herausgeberschaft des Werkverzeichnisses von Max Ernst, den Beiratsvorsitz in der Sammlung Würth bis hin zum Berater des Max Ernst Museums in Brühl. Aber wozu war sein Expertenwissen im Fall der angeblichen Ernst-Bilder gut? Außer dem authentisch wirkenden „La Horde“ (Sammlung Würth) war keines der fraglichen Werke ernsthaft als bedeutend zu bezeichnen. Trotzdem wurden sie für Ausstellungen angefragt. Warum? „Wurde mit den Leihanfragen nicht einfach der Käufer gebauchpinselt und damit dem Händler, der die Bilder zuvor verkaufte, in die Hände gearbeitet“, fragen sich kritische Händler.

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