Konrad Fischer Galerie
Gravitationszentrum der anderen Art

Konrad Fischer war der erste Galerist in Deutschland, der die Bedeutung von Concept und Minimal Art erkannt hatte. Seine Ausstellungen haben Kunstgeschichte geschrieben. Eine Ausstellung in der Kunstsammlung NRW zeichnet sein Lebenswerk nach.
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DüsseldorfDer Galerieraum ist winzig. Aber in ihm starten Weltkarrieren nicht nur von Künstlern wie Carl Andre, Hanne Darboven oder Richard Long, sondern auch die des Betreibers. Konrad Fischer (1939-1996) ist eine singuläre Gestalt unter den international ausgerichteten Galeristen für zeitgenössische Kunst. Seine bis heute fortgeführte Galerie ist es immer noch: Ein Gravitationszentrum der anderen Art.
Unter dem Mädchennamen seiner Mutter startet Fischer als Konrad Lueg zunächst eine Karriere als Maler. Zusammen mit seinen Kommilitonen Gerhard Richter und Sigmar Polke stellt Lueg in den Avantgardegalerien der 1960er-Jahre aus: bei Schmela in Düsseldorf und im Parnass in Wuppertal. Doch 1967 hängt er seine Karriere als Pop Art-Maler an den Nagel und wird Kunstvermittler für revolutionär Neues, für die aus den USA stammende Konzeptkunst und Minimal Art.
Damit es nicht so geschäftsmäßig klingt, nennt er seinen Raum für progressive Kunst „Ausstellungen bei Konrad Fischer“. Concept und Minimal Art brechen radikal mit dem Bild an der Wand, nehmen den Gedanken wichtiger als die Handschrift des Künstlers, huldigen dem Geist, nicht der materiellen Ausformung.

Ideenkunst in der Tordurchfahrt

Während des Aufbaus wohnen die Künstler bei der Familie Fischer. Weil auch kein Geld für teure Transporte drin ist, arbeiten sie in situ und reagieren direkt auf den Ausstellungsraum. Carl Andre erinnert sich: „Konrad hatte nicht genug Geld, um eine richtigen Galerieraum zu mieten. Deshalb nahm er einen nicht mehr benutzen Durchgang, der wie ein Tunnel durch ein Miethaus lief und verschloss beide Seiten mit Glastüren.“
Fischers Durchgang in der Düsseldorfer Neubrückstraße12 misst nur 3 mal 11 Meter. Die erhellende Ausstellung in der Kunstsammlung NRW „Wolke und Kristall. Die Sammlung Dorothee und Konrad Fischer“ baut sie mehrfach nach. Das hilft dem Betrachter beim Blick zurück. Dieser Schlauch, der so gar nichts Repräsentatives hat, unterstreicht die Wucht der unerhört neuen Ideenkunst umso mehr.

Leere Wände zur Eröffnung

Zur Eröffnung präsentiert Fischer einen vermeintlich leeren Galerieraum. Wer nicht stark sensibilisiert ist für die Umbrüche in der Kunst, sieht nur leere Wände – und ist entsetzt. Auf einem Foto in der Ausstellung ist gut sichtbar: Die Besucher treten das Kunstwerk mit Füßen. Der Amerikaner Carl Andre hatte um Transportkosten zu sparen 100 Metallplatten in Deutschland gießen lassen, die den Boden komplett bedeckten: „5 x 20 Altstadt Rectangle“. Die Platten, die Geschichte schreiben sollten, gibt es nicht mehr, aber eine Zeichnung hat sich im Archiv von Fischer erhalten.
1967 schafft es der Junggalerist, der nebenbei auch andernorts Ausstellungen kuratieren wird, Carl Andre für eine Einzelausstellung ins Abteibergmuseum in Mönchengladbach zu vermitteln. Fischer ist selbst Künstler und versteht die Konzeptkunst intuitiv. Das schätzen die Künstler sehr. Nicht das eigene Konto ist das Ziel seiner Bemühungen, sondern die Anerkennung einer neuen Kunstrichtung, die den Blick verändert. Fischers Engagement wirkt zurück in die USA, wo sich seine Helden dann schrittweise durchsetzen.

Fischer ist ein Tastemaker, der Avantgarde-Sammler und weitsichtige Museumsleute zu überzeugen versteht. Auch wenn ihm seine Doppelrolle als Galerist & Kurator immer wieder vorgeworfen wird, so setzt er seine Künstler durch. „Ich sehe mich als Kunstagenten. Das ist ein Langzeitjob,“ gibt er 1971 zu Protokoll. Heute würde man Konrad Fischer einen begabten Netzwerker nennen.
Nach Fischers überraschendem Tod schuf Carl Andre die Bodenarbeit „Wolke und Kristall“. 288 Quader aus Blei liegen in luftig offener Form und eckig zusammengefügt im Raum. Der minimalistische Untertitel „Blei Leib Leid Lied“ spielt geschickt mit deutschen Buchstaben, mit Kunst, Konzept und dem Kontext von Trauer und Erinnerung an den großen Ermöglicher.
Fischer gibt Richard Long seine erste Einzelausstellung überhaupt. 1968 legt der Brite für „Sculpture at Konrad Fischer“1318 kleine Weidenstöcke auf dem Galerieboden aus: aber nicht parallel, sondern schräg fluchtend und vor allem mit Stöckchen, die graduell dicker werden. Diese unsere Wahrnehmung irritierende Arbeit wird sofort verkauft, später erwerben sie Fischer und seine Frau Dorothee zurück.

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Gravitationszentrum der anderen Art

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Untrennbar: Konzeptkunst und Archiv

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