Kopf und Herz sind gleichberechtigt
Blumfeld: Die Freiheit nehm’ ich mir

Große Gefühle und Gesellschaftskritik in der deutschen Popmusik: Mit dem neuen Album „Jenseits von Jedem“ macht es sich Jochen Distelmeyers Band Blumfeld auf dem „Thron zwischen den Stühlen“ bequem.

Ist es zu glauben? Jochen Distelmeyer, die wortmächtige Autorität des deutschen Diskursrocks, müht sich, vollständige Sätze zu bilden. Ist es die Hitze? Liegt’s an den vielen Interviews, die der Kopf der Band Blumfeld heute schon gegeben hat? Oder lässt die Konzentration nach, weil Distelmeyer die Light-Zigaretten ausgegangen sind?

Immerhin: Distelmeyer kämpft. Die anderen haben aufgegeben. Blumfeld-Bassist Michael Mühlhaus ist nur körperlich anwesend. Schlagzeuger Andre Rattay wirft zwei, drei Sätze ein. Dann widmet er sich wieder den Piktogrammen, die er mit Filzstift auf einem Notizblock verewigt. Langsam weicht das letzte Quäntchen Energie aus dem Konferenzraum im Souterrain eines Hotels im Berliner Osten. Nur Distelmeyer bleibt mit sanfter Freundlichkeit bei der Stange.

Schließlich ist er hier, um über Blumfelds neues Album „Jenseits von Jedem“ zu sprechen. Unfreiwillig ähnelt er dabei dem Comedian Piet Klocke, der in seiner Paraderolle als zerstreuter VHS-Dozent die Wortfindungsstörung und den virtuos in der Luft hängenden Halbsatz zur Perfektion getrieben hat: Verschmitzt lächelt Distelmeyer durch die unglaublich großen Gläser seiner Siebziger-Jahre-Piloten- Brille. Dann hebt er von Neuem an: „Äh, also, okay . . .“

Vielleicht will der Mann mit dem Seitenscheitel, dem karierten Allerweltshemd und der dezenten Jeans nur sicher gehen, dass er verstanden wird – und streut deshalb nach jedem dritten Wort ein fragendes „Ja?“ ein, über dem er dann den Faden verliert?

Leicht war es nie, Musik und Message von Blumfeld in ein paar Sätzen auf den Punkt zu bringen. Distelmeyer hat mit seinen komplexen Songtexten in Deutschland Maßstäbe gesetzt. Das änderte sich auch nicht mit dem Album „Old Nobody“, das 1999 den kopflastigen Diskurs der Anfangsjahre mit einer neuen Leichtigkeit ergänzte. Statt des Wörterbuchs für fortgeschrittene Philosophen inspirierten Distelmeyer nun die Zuckerguss-Schlager der Süßholz raspelnden „Münchener Freiheit“.

Kopf und Herz sind bei Blumfeld seither gleichberechtigt. Doch das Publikum bleibt gespalten. Die einen halten Distelmeyer für einen großen Poeten.

Die Kritik der anderen bringt der Gescholtene auf der neuen Single „Wir sind frei“ mit feiner Ironie auf den Punkt: „Manche sagen, der Typ gehört in die Therapie / Kann sein / Doch um mich weht ein Hauch von Anarchie.“

Große Gefühle und Gesellschaftskritik halten sich auf „Jenseits von Jedem“ die Waage. Privates und Politik sind bei Blumfeld zwei Seiten einer Medaille. Distelmeyer macht es sich auf dem „Thron zwischen den Stühlen“ bequem, wie es im beschwingten Bigband-Song „Sonntag“ heißt – und beobachtet den trunksüchtigen „Armen Irren“, bricht eine Lanze für die „Jugend von heute“ oder gewährt mit „Die Welt ist schön“ einen Blick in sein Innerstes.

Doch wer das als Flucht ins kleine Glück deutet, den belehrt der textsichere Norddeutsche mit einer kleinen Rezitation. Dann deklamiert er mit Kleinkunstbühnen- tauglicher Betonung ein paar eher kämpferische Verse von „Jenseits von Jedem“: „Obwohl ich nichts gegen einfache Dinge habe, geht’s für mich auch ums Ganze.“

Auch wenn Distelmeyer nicht mehr so frontal formuliert wie im Blumfeld-Hit „Die Diktatur der Angepassten“ – „Jenseits von Jedem“ ist „im Bezug auf die Verhältnisse vielleicht gelassener, aber nicht minder engagiert“. Ob die Songs nun die Liebe oder das Leben verhandeln – musikalisch ist „Jenseits von Jedem“ als großes Kino inszeniert.

Folkigem Indie-Rock wird reiner Pop entgegengesetzt, den ein optimistisches, dabei nie nostalgisches 80er-Jahre-Feeling umweht. Ein Song wie „Der Sturm“ frischt mit brausenden Streichern auf und fegt die Band vom Hörsaal weg, hin zur Hitparade.

Opus magnum aber ist das an Bob Dylan erinnernde Titelstück: Eine Viertelstunde und zehn Strophen lang geben sich zwei Dutzend illustre Partygäste wie Nero, King Lear, Käpt’n Ahab und Pinocchio beim Tanz auf dem Vulkan die Ehre. Ob’s zur Eruption kommt? Das kann oder will Distelmeyer nicht sagen.

So zementiert er mit „Jenseits von Jedem“ seine Ausnahmestellung im deutschen Pop. Distelmeyer stellt wieder Fragen, die die Welt bedeuten können. Die Antworten aber muss jeder selbst finden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%