Kriminalfall Rybolowlew
Die 1000 Rollen des Spediteurs

Seit der Genfer Spediteur und Betreiber von Zollfreilagern, Yves Bouvier, Ende Februar in Monaco wegen „Betrug“ und „Geldwäsche“ angeklagt wurde, gibt es regelmäßig neue Anzeigen. Außerdem geben angebliche Diebstähle von Picasso-Werken in einem von Bouvier betriebenen Pariser Lager Rätsel auf.
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ParisDer Milliarden-Dollar-Kunstmarktkrimi, der Ende Februar mit der Anklage des Spediteurs Yves Bouvier und der Kunstvermittlerin Tania R. in Monaco begann, zieht immer weitere, komplizierte Kreise. Aber langsam wird der Sachverhalt klarer: Yves Bouvier (55) lernte den russisch-zypriotischen Milliardär Dimitri Rybolowlew (48) vor zwölf Jahren durch Vermittlung der Schweizerin Tania R. in Genf kennen. Die beiden Herren kamen rasch überein, im Genfer Zollfreilager Kunst an- bzw. zu verkaufen, wobei Tania R. als Übersetzerin und Vermittlerin agierte, die von Bouvier großzügige Provisionen erhielt. Der erste Ankauf des Milliardärs war ein Gemälde von Marc Chagall, der zweite eines von Vincent van Gogh, dem im Laufe der Jahre hochkarätige Werke von Edgar Degas, Amedeo Modigliani, Pablo Picasso, Auguste Rodin, Paul Gauguin, Leonardo da Vinci und Mark Rothko folgten.

Rybolewlew und Bouvier freundeten sich an, feierten rund um den Erdball Feste und machten Geschäfte, deren finanzielle Bedingungen der Spediteur mit dem Beauftragten des Milliardärs, Mikaîl Sazonov, oft per Mail abwickelte. Laut Rybolowlew war vereinbart, dass Bouvier die Preise der im Zollfreilager Genf aufbewahrten Kunstwerke mit deren Eigentümern aushandeln, und gegen eine Vermittlungsgebühr von zwei Prozent an den Milliardär weiterleiten sollte.

Im Februar 2015 hatte Rybolowlew seinen langjährigen Geschäftspartner in Monaco wegen Betrugs bei Kunstankäufen und Komplizenschaft zur Geldwäsche verklagt. Er warf Bouvier vor, die Preise für die Gemälde zu hoch angesetzt zu haben (s. Handelsblatt v. 21.4.2015).

Bouvier argumentiert dagegen, die ausgemachten zwei Prozent, die auf seinen Mails als „Provision“ ausgewiesen sind (und die er auf sein Privatkonto bei der Dresdner Private Banking, Genf überwiesen ließ) entsprächen nur seinen Verwaltungsspesen. Denn er sei als Händler aufgetreten, d.h. er könnte seine Einkaufspreise verhandeln und seine Verkaufspreise selbständig festsetzen, die er über seine Firma MEI Investment Limited in Hongkong in Rechnung stellte. Bouvier hat auf unsere schriftlichen Fragen nicht geantwortet und einen in Genf in Gegenwart seines Anwalts festgesetzten Termin kurzfristig abgesagt. Weitere Terminvorschläge ließ er unbeantwortet.

Als Vermittler oder Händler tätig?

Bouviers Pariser Anwalt Luc Brossolet erklärte dem Handelsblatt telefonisch: „Als Vermittler muss man die Originalrechnungen vorlegen“. (Wie übrigens der Fall Achenbach kürzlich bewies). Während der zehnjährigen Handelsbeziehung habe Rybolowlew niemals Belege verlangt. „Auf Grund der Rechnungen wusste er, dass Yves Bouvier als Händler auftrat“, donnerte der Anwalt ins Telefon. Die Frage, ob der bis jetzt als Händler unbekannte Bouvier auch andere Kunden hätte, bejahte er. Wann der Spediteur diese einträgliche Nebentätigkeit begann, wollte er nicht verraten, denn: „Dies gehört zur Geheimhaltung der Untersuchung“.

Nebenbei wirft der Pariser Anwalt seiner Kollegin Tetiana Bersheda (Anwältin Rybolowlews) vor, die „Geheimhaltung der Untersuchung zu missachten und die Medien zu manipulieren“. Das aber praktizieren Bouvier und die Mitangeklagte Tania R. mit Interviews in französischsprachigen Medien ebenfalls auf ihre Weise.

Dass Bouvier als Händler agiert, ist ein Novum. Der Status Bouviers ist aber entscheidend: Entweder er handelte als Vermittler und Berater auf Provisionsbasis, dann hätte er die teuren Kunstwerke zum Einkaufspreis weiterreichen müssen, oder er agierte als unabhängiger Händler. Da er einerseits zwei Prozent einkassierte und außerdem bisher unbekannt hohe Gewinnspannen verrechnete, wirft ihm Rybolowlew „Betrug“ vor. Das ist eine Kernfrage des gegen Bouvier in Monaco geführten Strafprozesses.

Einschätzungen von Händlern

Auf den Fall angesprochene Händler vertreten der Ansicht, dass Rybolowlew die Preise akzeptiert hat. Kein Mensch habe ihn gezwungen, die Kunstwerke zu kaufen. Einige fügen hinzu, er habe mit dem Ankauf von Top-Meisterwerken ein gutes Geschäft gemacht, selbst wenn er überhöhte Preise bezahlt hätte. Seine Sammlung, angeblich rund 40 Meisterwerke, wird immerhin auf 1,9 Milliarden Euro geschätzt

Neuerdings wird klar, dass die Klage gegen Bouvier und R. einer ausgefeilten, langfristig vorbereiteten Strategie folgt: Die Kunstsammlung gehört nämlich den beiden Töchtern Rybolowlews. Die Töchter verfügen über zwei zypriotische Trusts und zwei in Tortola auf den British Virgin Islands (BVI) eingetragene Offshore-Firmen. Letztere klagen gegen Bouvier, nicht der langjährige Kunstkäufer Rybolowlew, der während der Ermittlungen in Monaco nur als Zeuge auftrat. Die BVI-Firmen erreichten u.a. beim Gericht in Singapur, dass Bouviers und R.'s asiatische Konten zeitweilig gesperrt waren.

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