Kritik von "Defamation" und "Rachel"
Die Berlinale jenseits des roten Teppichs

Es gibt die Berlinale des Glamours, der Stars, der bedeutenden Regisseure und wichtigen Produzenten. Und dann gibt es die Berlinale der "kleinen" Filme, von den Kritikern kaum beachtet ("Weißt Du, diese komischen Filme interessieren mich nicht", sagte ein spanischer Kollege), vom Publikum dagegen sehr: Weil sie oft die wirklich großen Themen aufgreifen. Und was ist Kino, wenn es das nicht mehr kann?

Einer dieser kleinen, großen Filme ist "Defamation" des israelischen Regisseurs Yoav Shamir, der bei der Berlinale seine Weltpremiere hatte. Shamir, der schon in den vergangenen beiden Jahren in Berlin vertreten war, hat sich das vermutlich heikelste Thema überhaupt gewählt: der Antisemitismus und die Frage, inwieweit er bewusst übertrieben und instrumentalisiert wird. Shamir beginnt mit einer Recherche bei der amerikanischen Anti Defamation League, die sich selbst als größte Orgnisation weltweit darstellt, die sich dem Kampf gegen den Antisemitismus verschrieben habe. Shamirs erster Besuch endet mit dem Eindruck, dass die ADL zwar von einer bedenklichen Virulenz des Antisemitismus in den USA redet, es ihr aber schwerfällt, konkrete Fälle zu benennen.

Die Interviews und Reportagen aus den USA schneidet Shamir gegen einen Bericht über eine Schulklasse junger Israelis, die sich auf einen Besuch von ehemaligen KZ in Polen vorbereitet. Die Schüler sind davon überzeugt, dass der Antisemitismus auch heute eine unmittelbare Gefahr für alle Juden darstelle und dass sie in allen Ländern der Welt verhasst seien. Die Verwaltung nährt dieses Verfolgungsgefühl und sagt den Schülern, aufgrund der großen Bedrohung müsse ihre Gruppe von mehreren Sicherheitsleuten begleitet werden.

Damit ist die Problemstellung klar: Es geht einerseits um die Frage, ob Antisemismus künstlich aufgebläht wird und andererseits darum, was dieser Eindruck in Israel bewirkt, welche Haltung er begünstigt. Shamir macht es dem Zuschauer nicht leicht: Er gibt selber kein Urteil ab, präsentiert verschiedene Möglichkeiten, die sich aber gegenseitig ausschließen: Da ist der ADL-Vorsitzende Abe Foxman, der Kritik an Israel als verkappten Antisemitismus geißelt, und andererseits der Schriftsteller Uri Avnery, der es als grotesk bezeichnet, in den USA oder in Europa von einem Antisemitismus zu sprechen, der auch nur entfernt mit dem des 19. oder frühen 20.Jahrhunderts vergleichbar sei. Er werde von rechtsstehenden Kreisen in Israel und den USA heraufbeschworen, um jede Kritik an gewalttätigem Vorgehen gegen die Palästinenser und der anhaltenden Besetzung des Westjordanlandes zu verhindern.

Shamir vermeidet die stets präsente Falle, zum Sprachrohr einer Seite zu werden, ungewollt in einen predigenden Ton zu verfallen, nicht zuletzt durch den witzig-ironischen Unterton des Films. Er als Interviewer nimmt seine Gesprächspartner ernst denunzier sie kein bißchen, doch seiner Kamera entgehen nicht die Posen, die Blasiertheit und Selbstgefälligkeit einiger von ihnen. Köstlich das Tuscheln eines Pärchens von ADL-Aktivisten ("Ist die Kamera auch wirklich aus? Das können wir nicht vor laufender Kamera sagen!") das einräumt, ihre Organisation übertreibe es wohl wirklich ein bißchen.

Zur Stilsicherheit des Films gehört, dass er im richtigen Moment auch die zu Wort kommen lässt, die keine fertigen Thesen haben. Etwa eine israelische Schülerin, die sich fragt, ob die ständige Beschäftigung mit der Singularität des Holocausts vielleicht zur Gleichgültigkeit gegenüber anderen führe: "Wir sind so sehr davon überzeugt, dass wir immer die Opfer sind, dass wir es nicht weiter schlimm finden, wenn wir das Haus eines Palästinensers in die Luft jagen."

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