Künstler manipulieren Fotografieren
Lizenz zum Lügen

Auch im digitalen Zeitalter werden Fotografien noch als Abbild der Wirklichkeit verstanden. Doch Kunstfotografen manipulieren die Bilder - mit faszinierenden Ergebnissen. Die Zeit der Fotografie als Ikone des Realen ist unwiederbringlich vorbei.

DÜSSELDORF. Ein malerisches Tal mit gestreckten Wiesen, dahinter Berggipfel, die sich am Horizont fast bläulich verfärben und im milchigen Licht des Morgenhimmels schemenhaft verlieren: Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie auf dem großformatigen Foto wie die moderne Fotovariante einer gemalten Landschaft von Caspar David Friedrich.

Und dennoch: Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Menschenleer ist dieses Tal, keine Spur von Zivilisation. Eine aseptische, unheimliche Idylle. Das Grün der Wiesen ist unnatürlich satt, der Schattenriss ungewöhnlich scharfkantig: Eine Fotografie von Michael Reisch, entstanden in zwei Etappen. Erst 2004 auf einer Reise durch die Drakensberge in Südafrika, südlich des Kruger Nationalparks. Und dann am Computer, in Reischs Düsseldorfer Atelier. In stundenlanger digitaler Nachbearbeitung des mit einer analogen Großbildkamera aufgenommenen Motivs komponierte Reisch mit einfacher Software eine 30-teilige Serie von Bildern. Der Künstler entfernte sein Wanderzelt, jeden Pfad, jede Behausung aus der ursprünglichen Aufnahme, färbte den knallblauen Himmel weiß-grau-diesig ein und verlieh den Gipfeln links und rechts eine leichte Wölbung.

"Bildfindung auf der Grundlage realer, zufällig gefundener Situationen" nennt Reisch diesen Prozess, mit dem er "visionäre Landschaften" schaffen will. "Was ich mache, ist High-Tech-Malerei mit elektronischen Werkzeugen."

Der Computer als Kunstwerkzeug. Dieses Selbstverständnis teilt Reisch heute mit fast allen Fotokünstlern. Betrug? Keineswegs. Was auf den ersten Blick wie Manipulation, wie eine Täuschung der eigenen Wahrnehmung vorkommen mag, ist nichts weiter als eine Kombination aus alltäglichem Handwerkszeug und künstlerischem Ausdruck. Die Künstler, schon Platon wusste es, sie lügen. Das gilt heute auch für Fotografen. Ihre Arbeiten sind nicht mehr reine Abbilder der Wirklichkeit.

Das gilt für alle. Für Andreas Gursky, dessen riesenformatige Bilder inzwischen für bis zu zweieinhalb Millionen Dollar gehandelt werden und von dieser Woche an in einer großen Retrospektive im Haus der Kunst in München zu sehen sind; für Thomas Ruff, etwa bei seiner Auseinandersetzung mit architektonischen Phänomenen; für den Kanadier Jeff Wall ebenso wie den chinesischen Shootingstar Qingsong Wang mit ihren tableau-artigen Foto-Inszenierungen. Zwar arbeitet aus Qualitäts- und Kostengründen noch immer kaum ein Künstler mit digitalen Kameras, doch fast ausnahmslos werden die auf analogen Kameras belichteten Negative oder Dias heute per Scanner digitalisiert und die Pixel am Rechner dann so lange hin- und hergeschoben, bis das beabsichtigte Ergebnis erreicht ist. "Die Qualität eines Bildes ist keine Frage der eingesetzten Technik", sagt Ferdinand Ullrich, Direktor der Kunsthalle Recklinghausen, "entscheidend ist der künstlerische Gehalt."

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