Künstlerzeitschriften
Drucksachen mit Sprengkraft

Sie heißen „Der Neger“ oder „Glatteis“ und wollen auf keinen Fall mit etablierten Kunstmagazinen verwechselt werden: die sogenannten „Zines“, unorthodoxe Künstlerzeitschriften der 1970er- und 1980er-Jahre. Die besten aus den frühen Achtzigern sind aktuell im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München zu besichtigen.
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MünchenDie Titel klingen subversiv und nach Alternativszene. „Plastic Indianer“, „killt“, „Der Neger“, „Glatteis“ oder „Bomb“ heißen die manchmal schrill, aber immer unkonventionell aufgemachten Künstlerzeitschriften. Einige sind dick wie Magazine. Andere dieser Kreuzungen aus Kunst und Kulturkritik umfassen nur ein paar Seiten oder sind eher als Flugblätter zu kategorisieren.

Unter dem Begriff Zines bildete sich seit den 1970er-Jahren eine künstlerisch-publizistische Gegenströmung zu den Magazinen etablierter Verlage heraus. Jetzt entdecken Bibliotheken diese Nischenkultur. Einen Blick in diese schräge bis anarchische Druck- und Graphik-Welt gestattet aktuell die Ausstellung „Zines#3“ im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München (ZI). Nach den bereits gezeigten Zines aus den 1970er-Jahren hat der Künstlerbuch- und Zines-Sammler, Verleger und Szenekenner Hubert Kretschmer nun sein „Archiv Artist Publikation“ nach den 200 Besten aus den frühen 1980er Jahren durchstreift.

Neun Jahrgänge Uecker-Zeitung

Alle auf einen Nenner zu bringen, fällt schwer. Da ist die auf Zeitungspapier gedruckte, letzte Ausgabe der Uecker-Zeitung. Der neunte Jahrgang (1982) des von Uecker konzipierten Blattes hat eine Graphik des berühmten Nagel-Künstlers auf dem Titel. In einer anderen Vitrine liegt Andy Warhols „Interview“, daneben die von Gisela Oswald 1984 im Selbstverlag erschienene erste Nummer von Ecco mit Beiträgen über Christo, Mark Nachtstrom und Wim Wenders.

„Vom Kunstprojekt als eine Art Selbstdarstellung des Machers, über eigenwillig gestaltete Sonderdrucke anlässlich einer Ausstellung in Museen oder Galerien bis hin zu unorthodoxen, über Jahre hin erscheinenden Magazine über Künstler, Musik oder Politik – alles gibt es.“, sagte Kretschmer im Gespräch mit dem Handelsblatt. Vieles, was in seinem Archiv schlummert, ist heute in keiner Bibliothek existent. Die alternativen Blätter und handgefertigten Graphik-Stories aus der kreativen Subkultur weckten in den 1970er- und 1980er-Jahren kaum institutionelles Interesse.

Dabei war die Macher- und Sammler-Szene durchaus aktiv. Auf der documenta und dem Kölner Kunstmarkt vertrieb Hubert Kretschmer die Zines unabhängiger Verlage. „Der Papst dieser Medien aber war der Buchhändler Walther König“, sagt der bald 65-jährige Sammler. Bis heute gehört König zu den führenden Verlegern und Distributoren dieser Szene. Doch ein handfester, greifbarer Markt in Antiquariaten und Buchauktionen hat sich anders als in Frankreich nicht entwickelt. Drehscheiben sind ausgewählte Läden wie beispielsweise auch der Wiener „Salon für Kunstbuch“.

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Drucksachen mit Sprengkraft

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Restauflagen im Keller

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