Kulturförderung
„Ein Gefühl für Werte“

Claudia Sterrer-Pichler entwickelt mit ihrem Beratungsunternehmen Sterrer-PichlerClauss GmbH neue Strategien für Unternehmen, die sich an Werten orientieren. Mit Christiane Fricke sprach sie über Maßnahmen gegen die Entfremdung der Wirtschaft und über innere Werte.
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DüsseldorfHandelsblatt: Sie beobachten, dass die Wirtschaft die Erdung zu ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld verloren hat. Sie benutzen in diesem Zusammenhang auch den Begriff der „Entfremdung“. Was genau ist passiert?

Sterrer-Pichler: In den vergangenen Jahren hat sich eine Schere aufgetan zwischen der Eigenwahrnehmung der Unternehmen und der Wahrnehmung der Unternehmen von außen. Im Zuge der Bankenkrise ist das sehr deutlich geworden, als die Politik zum Getriebenen wurde und die eigentlichen Verursacher sich davon gestohlen haben.

Warum verlieren Unternehmen die „Erdung“?

Das hat etwas damit zu tun, dass irgendwann in den Unternehmen das Gefühl für Werte verloren gegangen ist. Wer 25 Prozent Eigenkapitalrendite zum Unternehmensziel erhebt, der hat kein Verhältnis zu Werten, sondern allenfalls zu Preisen. Da kann ein Unternehmen noch so viel Geld in Kulturengagement stecken. Wenn es keine inneren Werte und Maßstäbe hat, dann ist das nicht viel mehr als Schminke, die sehr schnell abblättert.

Welchen besonderen Wert hat denn die kulturelle Förderung für ein Unternehmen? Es könnte sich doch auch sozial engagieren.

Natürlich ist soziales Engagement für jedes Unternehmen sehr wichtig. Kulturelles Engagement bietet für das Unternehmen aber neben der positiven Rückbestätigung, etwas „Gutes“ getan zu haben, auch Benefits in Form von Markenbildung, Kundenkommunikation und Verständnis für zukünftige Entwicklungen.

Das nennt man Nützlichkeitsdenken.

In der deutschen Tradition seit Immanuel Kant hat der Begriff „Wert“ nur sich selbst zum Zweck. Er ist kein Mittel, um ein Ziel zu erreichen. Trotzdem sehe ich den Begriff „Wert“ hier angemessen verwendet. Unternehmen meinen es in aller Regel ernst, wenn sie sich für einen kulturellen Zweck engagieren, der außerhalb ihrer geschäftlichen Interessen liegt. Sie glauben nicht mehr daran, dass sie mehr Autos oder Zahnpasta verkaufen, wenn sie ein Opernhaus unterstützen oder die Ausstattung einer Bibliothek fördern.

Große Erwartungen verknüpfen sich mit dem Modethema der sog. „Social Media“. Was leisten virtuelle Dialog-Plattformen wie Facebook oder Twitter? Sind sie  vielleicht das Allheilmittel gegen die Entfremdung?

Grundsätzlich warne ich vor dem Glauben, durch Facebook würde die Welt eine bessere. Es geht da um eine formidable neue und direkte Art der Kommunikation, durch die sich den Unternehmen viele Chancen bieten, die Verbindung zur Welt zu halten und zu pflegen. Die Möglichkeit zur Rückmeldung bei diesen Instrumenten ist grandios. Wer das richtig einschätzt und für sich nutzt, kann nur gewinnen. Social Media sind eine Chance, die Entfremdung zu überwinden.

Muss das Unternehmen daneben nicht gerade auch die Bindung zu dem Ort, wo es angesiedelt ist, stärken? Einer These des deutschen Hirnforschers Ernst Pöppel zufolge müssten Orte wieder wichtiger werden, weil wir immer virtueller kommunizieren.

Allerdings muss ein Unternehmen darauf achten, sich nicht in den Weiten des Cyberspace zu verlieren. Ort heißt aber ja auch, dass man sich psychologisch und ethisch „verortet“. Diesem Aspekt sollten auch Unternehmen Rechnung tragen. Damit kommen wir nämlich wieder bei den „Werten“ an – und die sind ja entscheidend.

Claudia Sterrer-Pichler war Referentin des Symposiums "Corporate Cultural Responsibility", eine Veranstaltung des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI am 16. September 2011.

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