Kulturgut Alkohol
Die blaue Vergangenheit der DDR

Alkoholkonsum gehörte in der DDR fast zum guten Ton. Ende der 1980er-Jahre tranken die Bürger dort mehr als jedes andere Land auf der Welt. Rauschhafter Eskapismus war das allerdings nicht, sagt Ethnologe Thomas Kochan.
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BerlinGeburtstag, Feiertag, Urlaubsanfang oder -ende, eine Prämie oder einfach Feierabend: Der DDR-Bürger fand immer eine Gelegenheit zum „Prosten“. Der Berliner Ethnologe Thomas Kochan will hier endlich mit Vorurteilen aufräumen. Vor allem im Westen kursiert seiner Ansicht nach eine abenteuerliche Mär über das Saufvergnügen seiner Landsleute: Da ist die Rede vom exzessiven Picheln mit den dazugehörigen Auswirkungen, für die es nur Abscheu gab. Kochan widmete sich in einer Doktorarbeit dem Thema und wurde dabei von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützt.

Ein gefülltes Glas mit Hochprozentigem gehörte zum guten Ton. Es galt nicht als verwerflich, in fröhlicher Runde während der Arbeit oder danach das eine oder andere Glas zu leeren. Gebechert wurde auch im privaten Kreis. „Es war eine alkoholzentrierte Gesellschaft. Alkohol spielte eine große Rolle. Rausch war aber nicht das Ziel“, sagt Kochan, dessen Untersuchung jetzt im Aufbau-Verlag veröffentlicht wurde.

„Es gibt keine Belege, dass getrunken wurde, um dem Alltag zu entfliehen“, sagt der 42-Jährige. Auch sei der Verbrauch nicht angekurbelt worden, um Fünfjahrespläne zu erfüllen. Aber: 1988 trank jeder DDR-Bürger im Durchschnitt 142 Liter Bier, 12,1 Liter Wein und Sekt. „Ob Säugling oder Hochbetagter: Jeder leerte 23 Flaschen Hochprozentiges im Jahr“, erläutert Kochan die Statistik. Das war zweieinhalbmal so viel wie im Westen. 1987 eroberten sich die Ostdeutschen vor Ungarn und Polen den Spitzenplatz beim Spirituosenkonsum. Mittlerweile ist der Konsum gesunken und liegt bei etwa 5,9 Liter Alkohol wie im Westen.

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