Kunst des 20. Jahrhunderts
Kampf um die Schönen

Finanzkräftige internationale Sammler treiben bei Christie's den Preis für Amedeo Modiglianis schlafenden Akt. Weniger marktfrische Werke weist die wohlinformierte Klientel zurück. Bei Phillips bestätigt ein Bild des Architekten Le Corbusier die sehr hohe Taxe von über 4 Millionen Dollar. Daneben verwundern die Ergebnisse für einige japanische Arbeiten, die bislang in fernöstlichen Auktionen gehandelt wurden.

New YorkEs war der mit Spannung erwartete Höhepunkt des Abends, als Amedeo Modiglianis in zahlreichen internationalen Ausstellungen bewunderte „Nu couché“ (1917-18) bei Christie’s unter der Losnummer Acht an die Reihe kam. Der Künstler hatte das jahrhundertalte Thema der verführerisch hingegossenen Nackten in etwa 20 Akten wiederbelebt und wurde mit ihnen berühmt. Und auch heute stehen sie immer noch auf den Wunschlisten potenter Sammler.

Seit 80 Jahren war „Nu couché“ vom Markt verschwunden, gehörte so wichtigen Sammlern wie Pietro Feroldi (Brescia) und danach dem Avantgarde-Mäzen Gianni Mattioli. Seine Tochter, die Kunsthistorikerin Laura Mattioli, erbte das Bild 1977 und verkaufte es zehn Jahre später an den jetzigen schweizer Einlieferer. Anvisiert waren jetzt stolze 100 Millionen Dollar. Unerschrocken balgten sich mindestens sieben Bieter aus Europa, Amerika und vor allem Asien zehn Minuten lang um die Schöne auf dem blauen Kopfkissen. Den Zuschlag erhielt schließlich Liu Yiqians privates Long Museum in Schanghai bei 170,4 Millionen Dollar.

Nicht marktfrisch genug

Das Modigliani-Bild war das Filetstück in Christie’s zweiter stilübergreifenden Auktion, deren 34 Kunstwerke des 20. Jahrhunderts sich irgendwie ums Thema „The Artist’s Muse“ drehen. Am 9. November 2015 spielte sie mit 24 Losen 491,35 Millionen Dollar ein. Die Erwartungen lagen zwischen 442 und 540 Millionen Dollar.

Aber es wurden auch zehn Werke nicht verkauft, die ein wohlinformierter Markt entweder als nicht gut genug oder nicht marktfrisch verwarf. „Wir sehen einen sehr dynamischen Markt für Meisterwerke“, so Brett Gorvy, International Head of Contemporary Art. „Es gibt eine globale Nachfrage, wenn sich Rarität, Qualität und Schönheit in einem Objekt vereinen.“

Aktbild von Courbet

Aber die Auktion bewies auch, dass eine geschickte thematische Vermarktung neue und auch alte Käufer für Unbekanntes interessieren kann. Gustave Courbets „Femme nue couchée“, aus einer frühen Serie erotischer Akte der 1860er-Jahre, verdankt seinen Rekordpreis vor allem diesem Kontext. Dazu hat das Bild eine spannende Geschichte. Es gehörte seit 1912 dem jüdischen Baron Ferenc Hatvany in Budapest, wurde in den Wirren der Revolution und des folgenden Weltkriegs gestohlen und erst im Jahr 2005 an die Wiener Erben restituiert. Wäre der Akt im üblichen Zusammenhang mit Kunst des 19. Jahrhunderts angeboten worden, hatte die Taxe bei einem Bruchteil der jetzt anvisierten 15 bis 25 Millionen gelegen.

Ein einziger Bieter setzte immerhin 15,3 Millionen Dollar ein. Hohe Hoffnungen gab es auch für Roy Lichtensteins erschreckte „Nurse“ (1964) mit den Top-Pop-Provenienzen Kraushar (New York) und Ströher (Darmstadt). Sie sollte um 80 Millionen Dollar einspielen, aber der einzige Interessent war bereits bei 95,4 Millionen Dollar dabei, auch hier ein Rekord.

Seite 1:

Kampf um die Schönen

Seite 2:

Kirchners Tänzerin

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%