Kunst in Zeiten der Krise
Bankenkunst weckt Begehrlichkeiten

Viele Banken schmücken sich mit millionenschweren Kunstsammlungen - und wecken damit immer öfter das Interesse von Auktionshäusern. Denn obwohl die Finanzkrise mittlerweile auch den Kunstmarkt beutelt, fehlt auf diesem der Nachschub.

DÜSSELDORF. Vorstandssitzung bei der Deutschen Bank. Im holzgetäfelten Sitzungssaal über den Dächern Frankfurts herrscht Chaos. Ein Konferenzteilnehmer im dunklen Dreireiher versucht, mit seinem Stuhl ein Fenster einzuschlagen. Ein anderer schläft erschöpft, der Mund steht halb offen. Ein weiterer brüllt gestikulierend in sein Telefon. – So könnte die glattgebügelte Bankenwelt aussehen, wenn sie ihrer Fassade beraubt würde. Das ist zumindest die Vorstellung des Künstlers Martin Liebscher, dessen mokantes Werk „Round Table“ in einem Konferenzraum der Deutschen Bank in Frankfurt hängt – als eines von 53 000 Werken zeitgenössischer Kunst, die sich im Eigentum des Geldinstituts befinden.

Mit ihrer Kollektion ist die Deutsche Bank der Nabob unter den Unternehmen, die sich mit erlesener Kunst schmücken. Die Konkurrenz zieht nach. An den Wänden der Geldhäuser hängen Werte, die die Krise und ihre verderblichen Assets noch lange überdauern dürften. Trotz wirtschaftsflauer Zeiten und entgegen allen Unkenrufen ist die bildende Kunst als ultimatives Luxusgut nicht zur Schleuderware verkommen. In Ländern wie China, Indien und Dubai hat jetzt, da das Geld knapp wird, die Nachfrage nur geringfügig nachgelassen. Und die Banken würden sich von ihrer Kunst als letztes trennen.

Statt sich über Transaktionen oder Gebäudeprunk zu definieren, machen immer mehr Geldhäuser mit spektakulären Kunstsammlungen von sich reden, zu denen auch die Auktionshäuser gerne Zugang hätten. Friedhelm Hütte, der weltweit für das Kunstengagement der Deutschen Bank verantwortlich ist:. „Es tun sich derzeit ganz neue Käuferschichten auf und es gibt einfach zu wenig gute Werke“, sagt der Kunsthistoriker. Und dadurch, dass auf dem immer kleiner werdenden Markt die Werke der Museen ohnehin nicht zur Verfügung stehen „sind die privaten Kunstsammlungen gefragter denn je.“

Sicher, die Rekordsummen, die Auktionshäuser in den letzten Jahren mit ihren Versteigerungen erzielt haben, dürften vorerst der Vergangenheit angehören. Doch das scheint nur das Ende einer ungesunden Übertreibung zu sein. Der Londoner Skandalkünstler Hirst etwa hatte Anfang September mit dem Direktverkauf seiner Werke über Sotheby's 140 Mio. Euro erzielt und damit alle Verkaufsrekorde gebrochen. Am gleichen Tag ging die Bank Lehman Brothers pleite, in deren Nachlass sich rund 3 500 zeitgenössische Kunstwerke befanden, darunter auch Arbeiten von Hirst. „Der Markt konsolidiert sich und wird entschlackt um rein spekulative Elemente, die die Qualität der Kunstwerke überdeckt haben“, sagt Burkhard Richter, Kunstexperte und Partner bei der Kanzlei Freshfields in Düsseldorf. Jetzt kämen endlich diejenigen zum Zuge, die gute Kunst zu günstigen Raten erwerben wollte und noch über die Mittel dazu verfügten. Deutsche-Bank-Kurator Hütte sagt: „Das hochpreisige Segment scheint nun wieder auf den Boden der Tatsachen angekommen zu sein.“

Jetzt gilt die Sorge eher dem Angebot. Viele Sammler geben ihre Werke nicht mehr zur Versteigerung, weil die Erlöse zu niedrig sind. Das Angebot trocknet aus. Die Banken aber sitzen auf ihren üppigen Kollektionen wie Dagobert Duck auf seinen Goldtalern. Die deutsche Bank, deren Sammlung zu den weltweit größten gehört, trennt sich nur von Werken, die nicht in ihr Kunstportefeuille passen. Wenigstens für den Kunstmarkt kommt in diesem Umfeld jede Bankenpleite gelegen. Unter den Vermögenswerten der insolventen Investmentbank Lehman Brothers etwa finden sich neben Objekten von Hirst rund 3 500 zeitgenössische Kunstwerke, darunter Arbeiten von Jasper Johns, Andreas Gursky und Takashi Murakami.

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