Kunst mit der Stimme
Unterricht für eine Topfpflanze

Die Stimme ist ein beeindruckendes Ausdrucksmittel auch für bildende Künstler. Das zeigt der Württembergische Kunstverein Stuttgart in einer anregenden Ausstellung. Sie spannt den Bogen von Samuel Becketts Monodrama bis hin zum kreativen YouTube-Video.
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StuttgartEin  riesiger Mund mit glänzend weißen Zähnen, der aus dem Dunkel strahlt, gibt Wortfetzen von sich. Die großen Lippen bewegen sich rasend schnell, scheinbar getrieben von einer unheimlichen Energie. Immer wieder lacht die Frauenstimme auf, seufzt, überschlägt sich bei den hastig gesprochenen Worten. Mit diesem bildgewaltigen Auftritt werden derzeit die Besucher des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart im großen Ausstellungsraum von „Acts of Voicing“ www.wkv-stuttgart.de  empfangen. Samuel Becketts Monodram  „Not I“ von 1972/73 zeigt, wie vielschichtig die Stimme ist. Sie kann nicht nur in verschiedensten Formen klingen, flüstern, schreien, fauchen und kreischen, auch der Inhalt, den sie transportiert, bleibt beklemmend rätselhaft.

Das Ziel der Ausstellung, dem Paradox der Stimme nachzugehen, zugleich eigen und fremd, innerlich und äußerlich zu sein, wird mit mehr als 30 internationalen Künstlerinnen und Künstler umgesetzt. Sie reflektieren in ihren Videos, Installationen, Zeichnungen und Collagen die politische, künstlerische und poetische Bedeutung der Stimme. Schon Aristoteles hat sich mit der Stimme und ihren Erscheinungsformen beschäftigt und zwischen der bloßen Stimme und der Bedeutung produzierenden Stimme unterschieden.

„Was ist Kunst?“

Die von einem Kuratorenteam, dem unter anderen die Direktoren des Kunstvereins, Iris Dressler und Hans D. Christ angehören, entwickelte Schau wird auf einer Art Bühne inszeniert, die aus rohen Bretten zusammengenagelt ist. In sie eingelassen sind Vertiefungen und Rampen; Boxen ragen nach oben. So kann sich der Besucher ohne roten Faden je nach Lust und Laune in einem Raum bewegen, über dem verschiedenste Stimmen und Laute wie eine Soundwolke schweben. Ein wichtiger Bestandteil der Ausstellungen sind Veranstaltungen und Performances sowie Werke, bei denen der Besucher eingreifen kann, und die sich fortlaufend verändern.

Ein unbehagliches Gefühl stellt sich ein, wenn der serbische Künstler Raša Todosijević unaufhaltsam eine Frau fragt: „Was ist Kunst“. Die auf Video festgehaltene Performance von 1976 zeigt nur eine Frau, die den Betrachter frontal anblickt. Sie bleibt stumm, auch als der Frage-Ton stetig aggressiver wird. Immer wieder fährt der ausgeblendete Fragesteller der Frau mit der Hand über den Mund, über das Gesicht, als wolle er auf diese Weise eine Antwort bekommen. In der einseitigen Kommunikation werden Machtverhältnisse transparent und verweisen zum Beispiel auf Verhörmethoden in totalitären Gesellschaften.

Erinnerung an den lehrenden Beuys

Von John Baldessari gibt es eine Arbeit von 1972 in der Manier eines Lehrfilmes. Darin versucht der Künstler, einer Pflanze das Alphabet beizubringen („Teaching a Plant the Alphabet“). Baldessari führt der Topfpflanze Buchstabentafeln vor und sagt die einzelnen Buchstaben mehrfach wiederholt auf. Ein ironische Lektion auf die Kunstproduktion. Baldessari bezieht sich auch auf Joseph Beuys’ Aktion „Wie man einem toten Hasen die Kunst erklärt“ von 1965.

 

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Unterricht für eine Topfpflanze

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Kreative Arbeit auf YouTube

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