Kunst ohne Markt
Auf der Suche nach dem Sinn

Dieter Meiers Happenings auf der Straße thematisierten die Zeit und erregten 1970 Aufsehen. Reich wurde der Schweizer Konzeptkünstler nicht damit, sondern mit Musikvideos.

HamburgEr ist so elegant gekleidet, als würde er im Flugzeug nur die erste Klasse besteigen. Dabei hat seine Karriere auf der Straße begonnen. Nach einem lustlos absolvierten Jurastudium wusste der Schweizer Bankierssohn Dieter Meier "nichts mit sich anzufangen". Erst versuchte er es mit dem Pokerspiel. Um ihn davon abzubringen, rückte ihm ein befreundeter Aufseher jeden Abend einen Extrastuhl in den Konzertsaal. Nach sehr vielen dieser musikalischen Sitzungen war Dieter Meier von der Spielsucht geheilt.

Seine spielerische und absolut unkonventionelle Art führte den 1945 geborenen Schweizer dann auch zur Kunst. Verrückte Ideen hatte er genug. Auf einem Platz in Zürich ließ er Ende der 1960er-Jahre einen Berg Schrauben kippen. Da saß er tagelang auf einer Holzkiste, zählte und verpackte die Schrauben zu je 1000 Stück in Tüten. Es war die erste einer Reihe von so scheinbar sinnlosen wie sinnreichen Kunstaktionen im öffentlichen Raum. Das erregte Aufsehen.

Seit der Dada-Bewegung in den 1920er-Jahren ist der Angriff auf den "guten Geschmack" und den Sinn in der Kunst populär. Der Sinn von Meiers absurd-humorvollen Aktionen zum Phänomen der Zeit liegt im Grübeln über ihren verborgenen Sinn und im Beweis, dass Kunst kein Museum, keinen Sockel braucht.

Ratlos standen damals die Züricher um den kontemplativ Schrauben eintütenden jungen Mann mit Strubbelfrisur herum. "Da war so ein älteres Ehepaar", erzählt der heutige Unternehmer, Erfinder und Musiker, "die spazierten eine ganze Weile um mich herum. Dann hatten sie für sich die Lösung gefunden. ,Import/ Export', sagte der Mann plötzlich erleichtert. Das war hinten auf der Kiste aufgedruckt, auf der ich saß."
Meier kauft Passanten ein "Ja" oder "Nein" ab.

Zürich war Dieter Meier bald zu eng. Er ging nach New York. 1971 baute er sich mit einem kleinen Stand in Manhattan auf. Sein Angebot: Für je einen Dollar kaufte er Vorübergehenden ein "Ja" oder "Nein" ab. 400 Dollar hatte er in der Tasche. Die Polizei war bald zur Stelle, ließ ihn aber unter Aufsicht sein Geld ausgeben. Was ihnen möglicherweise als totaler Blödsinn vorkommen musste, hatte Konzept. Jeder der 400 "Verkäufer" wurde für ein scheinbar amtliches Dokument fotografiert und um seine Unterschrift gebeten.

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