Kunst & Antiquitäten
Jagdgründe im Bierdunst

Die 84. „Kunst & Antiquitäten“ auf dem Münchener Nockherberg ist eine Messe für Sammler mit drei- bis fünfstelligem Budget. Liebhaberstücke und Kurioses prägen die Frühjahrsmesse, die ihr Profil schärfen muss. 
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MünchenKenner, die bei Silber, Porzellan, Zinn, Volkskunst und Uhren auf ein Kunstwerk stoßen wollen, das in ihrer Sammlung noch fehlt, kommen früh. Dann herrscht Jagdfieber. Zu entdecken ist Positives und weniger Positives auf der 84. Ausgabe der „Kunst und Antiquitäten“, einer der ältesten Fachmessen in Deutschland (bis 22.Mai). Ihr angestammter Platz ist der Festsaal der Paulaner-Brauerei am Nockherberg in München. Besucher, die die Noblesse der Tefaf in Maastricht, aber auch die der beiden anderen Münchener Herbstmessen gewohnt sind, mögen über den Geruch von Braten und Gerstensaft, der über den Biergarten an den lichten Festsaal weht, irritiert sein. Den leidenschaftlichen Sammler, der noch eine Tasse Nymphenburger Porzellan, einen Zinnkrug oder prachtvolle Tischwäsche aus Omas Zeiten sucht, ficht das nicht an.

Profil: konturieren oder aufweichen?

Und so erinnert die „Nockherbergmesse“ an frühere Zeiten: mit überladenen Ständen und einem erheblichen Qualitätsgefälle zwischen den 60 Händlern in Festsaal und Foyer. Acht Aussteller haben aus Altersgründen ihre Teilnahme abgesagt, von den zwölf Nachrückern ist nicht jeder ein Gewinn fürs Profil. Insbesondere der Bereich zeitgenössische Kunst bedarf der Neukonzeption.

Kunst auf Papier

Wie sich Kunst von heute an das hier überwiegend präsentierte 18. und 19. Jahrhundert anlehnt und sich Freiheiten nimmt, die vor 100 oder 200 Jahren undenkbar waren, zeigt Nathalia Laue. Die Frankfurterin hat eine Zeichnung von Michael Triegel dabei, in  der der Papstmaler die Dreidimensionalität einer zu Tränen erschütterten Figur aus einer „Grablegung Christie“ ins Äußerste steigert (12.000 Euro). Das attraktive Blatt des jungen Malers aus Leipzig, der im Stil der Alten Meister arbeitet, stammt aus dessen Frühzeit (2002). Es soll 12.000 Euro kosten. Von der Belgierin Pina Delvaux stellt Laue phantasievolle Objektkästen voller Anspielungen und Künstlerbüchlein im Taschenformat  (300 Euro) aus. Laues Eltern, die Graphikhändler Fichter, haben die Karikatur eines biedermeierlichen Hagestolzes von Andreas Achenbach für 650 Euro (mit Rahmen) im Angebot und eine Federzeichnung von Hans Thoma, die vor Vitalität nur so vibriert. „Im Albanergebirge“ zeigt ein vielleicht nicht freiwillig wanderndes Paar. Vor ihnen springt der hechelnde Hund den Betrachter förmlich an, springt beinahe aus dem Blatt heraus (11.500 Euro).

Und ewig lockt das Weib

Mit einem Liegenden Akt von Paul Paede macht die Galerie Isolde Weiss auf sich aufmerksam. Hier übernimmt ein akademisch geschulter Salonmaler ganz vorsichtig ein paar Errungenschaften der Post-Impressionisten, etwa den reliefhaften Farbauftrag auf der Liege. Um Verlockungen geht es auch bei vielen Farbholzschnitten aus Japan. Ein „pikantes Bild“, ein Abuna-e des japanischen Künstlers Ippitsusai Bunchô, stellt Shigeko Yoneda (München) aus. Der Farbholzschnitt von 1775 erzählt von Intimitäten - und deren Belauerung.

Antikes mit Pfiff

Ausgefallenes wie ein Gondelmodell hält Roderich Pachmann (München) bereit. Brigitte Martini aus Landsberg sekundiert mit einem samtbezogenen hohen Gondelsitz. Der hat einst die Braut wie auf einem Präsentierteller erhöht und zugleich vor dem Sturz in den Canale Grande bewahrte. „So etwas kommt nicht wieder“, weiß Martini und verlangt dafür 29 000 Euro. Außergewöhnlich und mit 12.000 Euro wesentlich niedriger angesetzt ist eine prachtvolle Terrakottagruppe mit zwei sommerlichen Rokokodamen und einem knabenhaften Schirmträger. Vielleicht entstand sie als Modell für eine Porzellanmanufaktur. Auch wer der treffsichere Bildhauer sein könnte, hat Brigitte Martini noch nicht zu Ende recherchiert.

Kluge Materialwahl

Selten und gefragt ist auch der sechsflammige Zinkgusslüster im Schinkelstil, dessen Vorbild Axel Schlapka (München) in Schloss Glienicke bei Berlin gefunden hat.  Für 24.000 Euro bekrönt der Lüster den kleineren von zwei ausziehbaren Esstischen. Der Biedermeier-Spezialist hat allein 18 neue Möbel mit auf die Messe gebracht, um seine Kunden zu überraschen und zum Kauf zu bewegen. Darunter eine schlichte zweischübige Kommode (6.200 Euro), deren schnörkellose Geradlinigkeit direkt auf die Haltung der heute so hoch gehandelten Bauhäusler zu führen scheint. So wie der Zinkguss ab 1840 Preußens Eisenreserven schont und ein Material klug durch ein anderes günstigeres ersetzt, gelangt das leichte Pappmaché um 1908  in die windschnittigen, weißen Reformmöbel.  Monika Fahrenson zeigt am Stand der Galerie Brigantine 1900 (München) einen kleinen Sekretär mit Stuhl, deren Seiten nicht aus Buche, sondern aus gewellter Pappe bestehen (4.200 Euro).  Mit Sitzgruppen, Freischwingern, Schreib- und Teetischchen auf Stahlrohrkufen aus tschechischer Produktion im niedrigen vierstelligen Bereich trifft Fahrenson exakt den Geschmack der Zeit. Jugendstil und Art déco stehen schon weniger in der Gunst der jüngeren Messebesucher wie Fahrensons Verkäufe zeigen.

Gesprächsstoff unter Kultivierten

Das Auge des Messeflaneurs braucht einige Zeit, bis es sich am dicht bepackten Stand von Dr. Birbaumer & Erberhardt  zu Recht findet. Hier dreht sich alles um Vitrinenobjekte. Vom Miniaturformat bis zur mittelgroßen Skulptur sind viele Zeiten, Stile und Materialgruppen versammelt. Zwei feine Putten aus Elfenbein verkörpern Malerei und Bildhauerei – erkennbar an einer Palette und einem Zirkel. Wohl um 1800 im Odenwald geschnitzt, sind die beiden kindlichen Allegorien auf versilberte Sockel aus Blutjaspis montiert und sollen 6.800 Euro kosten. Den kultivierten Betrachter erinnern sie an den alten Streit, wer die Vorherrschaft habe: die zweidimensionale Malerei oder die in den Raum vordringende Bildhauerei. Der Brite Peter Barley baut aus antiken Fundstücken neue Skulpturen. So treffen tibetanische Totenschädel aus dem 18. Jahrhundert auf Vogelkarkassen, einen biedermeierlichen Mini-Puppentisch und einen Mammutzahn (2.800 Euro). Barley selbst nennt seine verrückte Tafelrunde der Skelette „Conversation piece“. Genau darum geht es originellen Stücken dieser Messe: Gesprächsstoff zu sein für Menschen, die statt vom Wetter lieber über Kunst reden.

 

„Kunst und Antiquitäten“ Festsaal im Paulaner am Nockherberg, Hochstraße 77, München

bis 22. Mai, täglich 11 bis 19 Uhr, Mi bis 21 Uhr

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