Kunstauktion in New York
Der liquidierte Lehman-Boss

Heute Abend werden knapp 150 Objekte aus der Kunstsammlung der Pleite-Bank Lehman Brothers versteigert. Mehr als zehn Millionen Dollar will der Insolvenzverwalter mit der Auktion einnehmen. Auch der Straßenkünstler Geoffrey Raymond, der mit seinen Portraits von Lehman-Chef Dick Fuld berühmt geworden ist, will Kasse machen.
  • 0

NEW YORK. Richard Fuld hat ihn berühmt gemacht: Als Lehman Brothers zusammen bricht, steht Straßenkünstler Geoffrey Raymond mit einem Portrait des Banken-Chefs vor der Konzernzentrale in Midtown Manhattan. Fassungslose Mitarbeiter strömen aus dem Gebäude, viele tragen einen kleinen Karton mit ihren persönlichen Sachen. Es ist ihr letzter Arbeitstag. Draußen wartet Raymond mit Filzstiften: grün ist für Lehman-Mitarbeiter, schwarz ist für Passanten. Alle sollen sich neben Fulds düster blickendem Gesicht verewigen, ihre Gedanken und Gefühle aufschreiben. „Du bist ein Feigling“, steht nun auf der Leinwand, ebenso wie „Wir sehen uns in der Suppenküche“ und „Es war Gier und Egoismus.“ Ein ehemaliger Händler der einst viertgrößten Investmentbank kauft Raymond das Bild mit der Überschrift „Der mit Anmerkung Versehene Fuld“ direkt von der Straße ab – für 10 000 Dollar in bar. Es war Raymonds Durchbruch.

Seit dem ist der heute 56-jährige Künstler mit seinen Filzstiften regelmäßig in Midtown und an der Wall Street zu sehen. Er malt den Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, den Milliardenbetrüger Bernie Madoff, den Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein und immer wieder Fuld. Seine Werke sind Momentaufnahmen der größten Finanzkrise seit der großen Depression und die Käufer reißen sie ihm aus den Händen.

Eine zweite Version des Fuld-Portraits, gemalt zum ersten Jahrestag des Lehman-Kollapses, verkauft Raymond für 35 000 Dollar an einen Deutschen. Fuld Nummer drei hängt derzeit noch in der Wohnung des Künstlers in Brooklyn.

Jetzt, kurz nach dem zweiten Jahrestag, ist es Zeit für ein allerletztes Fuld-Portrait. „Fuld ist wie kein anderer zum Gesicht der Finanzkrise geworden“, sagt Raymond. Es gebe genügend Beweise dafür, dass Lehman hätte gerettet werden können, wenn der Chef ein paar Monate vorher gehandelt hätte. „Die Tatsache, dass dies nicht passiert ist, lässt sich meiner Meinung nach auf Arroganz und Gier zurück führen.“ Raymond spricht von „Hybris mit fast shakespeare-haften Proportionen.“ Seine Faszination für den provokanten Manager teilen viele andere.

Der Lehman-Händler, der vor zwei Jahren gleich zugeschlagen hat, könnte das Bild mittlerweile locker für das zwanzig oder dreißigfache verkaufen, erzählt er dem Klatschblatt „New York Post.“ Auch das Auktionshaus Sotheby’s habe bereits zwei Mal angefragt, ob er nicht Interesse habe, Raymonds Werk zu verkaufen. Passenderweise hat Raymond Fuld Nummer vier in den vergangenen Tagen direkt vor dem Auktionshaus signieren lassen und wartet am Samstag genau dort auf einen Käufer, der bei der Auktion zu kurz gekommen ist. „Ich hoffe, dass jemand runter kommt und sagt: ‚Was solls. Ich kaufe es“, sagt Raymond, der für sein Werk 50 000 Dollar verlangt. Über dem Portrait steht: „The Liquidated Fuld“ – „Der liquidierte Fuld.“

Astrid Dörner ist Korrespondentin in New York.
Astrid Dörner
Handelsblatt / Deskchefin Agenda

Kommentare zu " Kunstauktion in New York: Der liquidierte Lehman-Boss"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%