Kunstauktionen: Die Rosinen im Kuchen suchen

Kunstauktionen
Die Rosinen im Kuchen suchen

Die Angst vor dem Absturz zügelt momentan die blinde Lust auf Kunst. Impressionistische und moderne Kunst werden derzeit bedächtiger gekauft. Dennoch gibt es Favoriten, für die Sammler Millionen ausgeben.
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LondonBlau schlägt Braun, Pferde schlagen nackte Tänzerinnen, das Beste schlägt das Mittelmäßige. Das konnte man diese Woche bei den Moderne-Auktionen in London wieder lernen. Nicht so eindeutig war, wie stark der Markt noch ist. Blinde Lust auf Kunst wird nun von Vorsicht und Angst vor Absturz gezügelt.

"Angesichts der anhaltenden Probleme stürzen sich die Käufer eben nicht mehr auf drittklassige Kunst. Erstaunlich, dass es nicht schon früher so gekommen ist", meinte der aus Berlin angereiste Kunstberater Patrick Legant.

Die Prestigeauktionen bei Sotheby's und Christie's waren der Auftakt einer dreiwöchigen Auktionsserie, die, wenn alles gutgeht, eine halbe Milliarde Pfund umsetzen soll. Star war Joan Mirós "Peinture (Étoile bleue)" von 1927 bei Sotheby's - ein blauer Stern auf leuchtend azurblauem Grund aus der gleichen Periode wie das braungrundige "Painting Poem", das im Februar bei Christie's den Rekordpreis von 16,8 Millionen Pfund erzielte. Daran zog das kräftig blaue Bild nun spielend vorbei: Gegen den New Yorker Kunstberater Stephane Cosman Connery wurde es auf brutto 23,6 Millionen Pfund (29,3 Millionen Euro) gesteigert. 2007 hatte es im Pariser Versteigerungshaus Hôtel Drouot noch 11,6 Millionen Euro gekostet.

Dank dieses blendenden Zuschlags sah Sotheby's Ergebnis mit 75 Millionen Pfund für 33 verkaufte Lose noch ganz passabel aus, und die für eine Prestigeauktion hohe Rückgangsrate von 31 Prozent fiel nicht ganz so ins Gewicht. Aber die Luft wird dünner.

Bei den Rückgängen fiel Otto Dix' neusachlicher, musealer, aber mit vier bis sechs Millionen Pfund ehrgeizig angesetzter blonder Akt in Cranach-Manier von 1931 ins Gewicht. Vieles wurde im unteren Schätzbereich oder darunter verkauft, auch der späte Picasso "Homme Assis", der mit 6,2 Millionen Pfund gerade mal die Reserve schaffte.

Bei einer Reihe gut verkaufter Kandinsky-Blätter brachte eine 1919 Gouache "Entwurf zu grüner Rand" hohe 1,3 Millionen Pfund "weil es aussieht wie eine Arbeit von 1913, die man kaum noch kriegen kann", so Legant. Der Insider spricht von einem "markttechnischen, nicht kunsthistorischen" Preis. Sotheby's Chairman Philipp von Württemberg zog nach der Versteigerung eine eher nüchterne Bilanz: "Spitzenware bleibt stark, aber der Mittelmarkt wird selektiver."

Bei Christie's wurde das Zugpferd schon vor der Auktion gekauft: Pierre-Auguste Renoirs pralle "Baigneuse", die 1997 in New York 21 Millionen Dollar gekostet hatte, wäre auch mit seiner dem damaligen Preis entsprechenden Schätzung von zwölf bis 18 Millionen Pfund ein Markttest geworden. Auktionator Jussi Pylkkänen war wohl froh, dass vor der Auktion ein Direktangebot "voll im Rahmen der Erwartungen des Besitzers" kam.

Christie's rief für sein höheres Total von 92,5 Millionen Pfund 70 Lose aus, von denen 14 Lose (20 Prozent) unverkauft blieben. Der Durchschnittspreis von 1,7 Millionen Pfund lag, wenn man den Miró ausklammert, nur unwesentlich über dem von Sotheby's. Auch hier lag das Gesamttotal deutlich unter dem Vorjahresergebnis. Aber die Bietfreude war spürbar größer, weil mehr Rosinen im Kuchen versteckt waren.

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