Kunstausstellung in Venedig
Ein Querkopf vertritt Deutschland auf der Biennale

Auf der 51. Schau internationaler Gegenwartskunst in Venedig ist auch Deutschland mit einem Pavillon vertreten. Die Künstler Tino Seghal und Thomas Scheibitz produzieren dort Situationen zum Thema Marktwirtschaft und geben eine Geld-zurück-Garantie.

HB VENEDIG. Die meisten schauen erst einmal verdutzt drein, wenn sie die Tür zum deutschen Pavillon bei der Kunstbiennale von Venedig öffnen. Bei ihrem Eintreten beginnen zwei Männer und zwei Frauen mittleren Alters mal springend, mal tanzend durch den Saal zu laufen. „This is so contemporary“, skandieren sie melodiös. Nach wenigen Sekunden beginnen die Besucher zu schmunzeln - so ungewöhnlich, so witzig wirkt die Situation. Zumal die Darsteller streng in blaue Hosen und weiße Hemden gekleidet, wie Museumswärter aussehen. „Tino Seghal!“ ruft einer der Akteure - und präsentiert damit den Urheber dieser Situation.

Der 1976 geborene Seghal, der Deutschland zusammen mit dem Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz bei der Biennale vertritt, produziert eben keine Bilder oder Skulpturen, sondern Situationen. Er ist der jüngste und vielleicht eigenwilligste Künstler, der jemals in dem 1938 gebauten Pavillon „Germania“ ausgestellt hat.

„Seine Kunst existiert nur in dem Moment, in dem sie passiert und sie entsteht in dem Moment, in dem sie ausgelöst wird“, sagt Julian Heynen, der nach 2003 zum zweiten Mal als Kurator des deutschen Beitrags fungiert. „Seghals Arbeiten gibt es nur in der Erinnerung und im Gespräch über sie“. Deshalb gilt auch: Filmen oder Fotografieren strengstens verboten! Den flüchtigen, transitorischen Arbeiten Seghals hat Heynen eine gigantische Installation und sieben Bilder von Scheibitz gegenübergestellt. Dabei hat er den riesigen Hauptraum des 220 Quadratmeter großen Pavillons in eine unsichtbare Diagonale aufgeteilt.

Scheibitz' Skulpturen-Ensemble, das aus einer Reihe bemalter Formationen besteht, heißt „Der Tisch, der Ozean und das Beispiel“. Ein poetischer, von dem Surrealisten René Magritte inspirierter Titel, dabei gilt das Schaffen des in Berlin lebenden und vor allem in den USA bekannten Künstlers eigentlich eher als „cool“. Ziel aller drei Beteiligten war es, Berührungspunkte zwischen den Künstlern zu finden: „Sie verbindet eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem, was heute Bildende Kunst sein könnte“, heißt es.

Scheibitz tut dies, indem er die Gegenwart beobachtet und daraus mittels Form und Farbe Neukonstruktionen in einer Art Parallelwelt schafft. „Er malt die Gegenwart, aber er malt sie nicht ab“, sagt Heynen. Die im Pavillon ausgestellten Werke wirken dynamisch, sind aber nicht expressionistisch, sie wirken positiv, aber nicht romantisch. Der wohl typischste Scheibitz bei der Schau ist das Ölbild „Modell“, auf dem sich eisige Blau- und Grautöne fast wie knirschende Eisschollen ineinander verkeilen.

Insgesamt 30 Laiendarsteller hat Seghal bei langen Castings für seine zwei Situationen ausgewählt. Es handelt sich eben um eine Kunst, die keine Rohstoffe braucht - außer dem Menschen. Neben „This is so contemporary“, was als Reflexion über die Position der Kunst in der heutigen High-Tech-Welt gedacht ist, präsentiert der studierte Wirtschaftswissenschaftler und Tänzer in einem zweiten Raum das Werk „This is exchange“. Die Akteure verwickeln dabei die Besucher in Diskussionen über das Thema Marktwirtschaft. Zudem erhalten die Gäste die Hälfte ihres Eintritts zurück, wenn sie sich auf ein Gespräch einlassen. „Wir kaufen Meinungen“, erläutert eine Darstellerin.

Ein Jahr lange haben Heynen, Scheibitz und Seghal geplant, geprobt und gezittert: „Ob etwas gelingt, weiß man eben erst, wenn sich die Türen öffnen“, sagt der Kurator. Der Mut hat sich gelohnt: „This is so contemporary“ hat sich bereits zum Ohrwurm bei der internationalen Presse entwickelt.

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