Kunstfälschungen
Es macht keinen Sinn, Indizien auszuklammern

Das schnelle Ende des Kölner Prozesses um die Kunstfälscher hat den deutschen Handel in die Defensive gebracht. Nun macht er sich Gedanken über eine neue Verteilung von Haftungsrisiken. Überfällig ist eine Revision der hergebrachten Standards bei den Sorgfaltspflichten.
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DüsseldorfDas schnelle Ende des in Köln verhandelten Kunstfälscherprozesses hat manch einen der darin Verwickelten froh gemacht, viele andere jedoch irritiert. Sie fühlen ihre Hoffnung getrogen, der Prozess würde die „Bösen“ identifizieren und ihr gut vernetztes Tun aufdecken. Stattdessen aber findet sich eine ganze Branche am Pranger wieder.

Angesprochen fühlt sich bezeichnenderweise vor allem der deutsche Handel, obwohl das Gros der Fälschungen von Umschlagplätzen auf französischem und Schweizer Boden aus gehandelt wurde. Das hat seine Gründe sicher auch in dem lebhaften Interesse, mit dem die öffentlichen Medien in Deutschland Fall und Prozessverlauf begleitet haben.

Verwüstung im kleinen Teich

Erst seit kurzem interessiert sich nun auch die britische Presse für den Fall. Ansonsten war der Fälschungsskandal im Ausland lange Zeit weder ein Thema, noch spielte er eine Rolle bei den Kaufüberlegungen internationaler Sammler. „Die Kaufbereitschaft am oberen Ende des Marktes für Klassische Moderne ist international (noch) ungebrochen und dürfte nur kippen, wenn die Finanzmärkte tatsächlich weltweit kollabieren“, weiß der gut vernetzte Kölner Kunsthändler Frank Berndt. „In unserem kleinen Teich hat der Raubfisch Beltracchi einige Verwüstung hinterlassen, die Fische auf offener See scheren sich darum allerdings nicht.“ Der deutsche Markt reagiert empfindlicher als der internationale. Dabei macht er viel weniger Umsatz. „Schon allein wegen des Folgerechts verkauft hierzulande praktisch kein Händler Picasso, Matisse, Beckmann & Co. im sieben- oder achtstelligen Bereich“, charakterisiert Berndt den nationalen Handelsplatz.

Gerade weil der deutsche Handel störungsanfälliger ist, muss er sich zügig Gedanken darüber machen, wie er wieder aus der Defensive herauskommt. Allerdings bleibt die kürzlich vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) verbreitete Verlautbarung noch viel zu vage, um die Sache voranzubringen.

Vernetzung tut not

Ganz oben auf der Agenda des Handels sollte vielleicht eine Vernetzung mit einschlägigen Datenbanken stehen. In so einem Verbund könnte sich auch die „Datenbank kritischer Werke“ des Bundesverbandes deutscher Kunstversteigerer (BDK) eingliedern. Registrierte Ware, die noch in Umlauf ist, wäre auf diesem Wege effektiver zu identifizieren. Nach Angaben von René Allonge, Ermittler am Landeskriminalamt Berlin, wurden zumindest jene Beltracchi-Falsifikate, nach denen noch gesucht wird, bereits in die Datenbank des Art Loss Registers eingespeist. Diese Plattform, die gestohlene oder verschwundene Werke listet, habe sich inzwischen um eine Sektion für Fälschungen erweitert, erläutert Allonge gegenüber dem Handelsblatt.

Die Sache als solche ist nicht gefährlich

Bei Juristen stößt der Ruf des BVDG nach einem neuen Gesetz, das es möglich macht, Fälschungen aus dem Verkehr zu ziehen, auf Unverständnis. Nach dem Nolde-Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) von 1989 darf der Eigentümer einer Fälschung diese behalten. Er darf nur nicht mit ihr handeln. Dass eine Fälschung geeignet ist, andere zu betrügen, macht sie nicht einzugsfähig. Die Sache ist als solche nicht gefährlich.

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Kommentare zu " Kunstfälschungen: Es macht keinen Sinn, Indizien auszuklammern"

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  • Es sollte selbstverständlich sein, dass ein Experte die Haftung für sein Gutachten übernimmt (die Haftung kann durchaus auf einen Höchstbetrag beschränkt sein). Hier reicht es aber nicht auf Gesetze zu warten. Käufer müssen hier entsprechende Forderungen aufstellen und sich nicht so leicht über den Tisch ziehen lassen.

  • Sie schreiben:
    Sie fühlen ihre Hoffnung getrogen, der Prozess würde die „Bösen“ identifizieren und ihr gut vernetztes Tun aufdecken. Stattdessen aber findet sich eine ganze Branche am Pranger wieder. Leider galt das Thema Kunstfälschung lange Zeit als Tabu, keiner hat sich richtig die Wahrheit getraut zu sagen. Denn in dieser Branche nascht jeder früher oder später mit, wenn's wirklich ums große Geschäft geht.
    Alles was heute stink teuer ist, ist irgendwie abgesichert. Was somit dadurch auch seinen Preis behält. Warum nicht auch in der Kunst ???

    Dadurch würden Galerien, Museen aber vor allem die Sammler geschützt vor weiteren Fälschungen bei einem Kauf. Gerade Galerien und Museen leben vom kauf und Gönner der Sammler. Ein Sicherheits- System wäre da schon von einem großen Vorteil in dieser Branche.
    Meint: www.fingerprint-on-art.com im 21. Jahrhundert.

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