Kunstfund in Rentnerwohnung
„Eine Chance für Deutschland“

Der Kunstfund in München erregt auch Aufsehen im Ausland. Massive Kritik an der Geheimniskrämerei der bayerischen Behörden wird laut. Manche sehen die Gurlitt-Sammlung aber auch als Chance für Deutschland.
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LondonSensationelle Kunstfunde wie den Schwabinger Kunstschatz des Cornelius Gurlitt wird es in den nächsten Jahren noch manchen geben, glaubt Robert Edsel, Kunstdetektiv, Autor und Fachmann für Beutekunst des zweiten Weltkriegs. Die letzte Generation der Beutemacher aus dem zweiten Weltkrieg stirbt nun aus. Dann werde ausgemistet und manches ans Licht kommen, was im Chaos des zweiten Weltkriegs und der Judenverfolgung geraubt, geplündert, verscherbelt und verschoben wurde, um dann Jahrzehnte im Stillen zu verschwinden. Auf „Hunderttausende“ schätzt der amerikanische Beutekunstfachmann diese verschwundenen Kunstwerke, die als verschollen oder zerstört gelten und doch noch auftauchen könnten. „Alles, was auf Dachböden, in den Kellern und an den Wänden ist, wird den Besitzer wechseln“.

Man kann nur hoffen, dass deutsche Behörden, Kunstmuseen und Kunstsammler auf diesen Prozess besser eingestellt sind als auf den Kunstfund Gurlitt. In der angelsächsischen Welt wächst das Erstaunen über die Geheimniskrämerei der Bayern, die 17 Monate damit warteten, den Fund publik zu machen. Man sieht darin eine für deutsche Behörden nicht untypische Verschleppungstaktik. Der Fund werfe die Frage auf, warum so wenig getan werde, um die Vergangenheit dubioser und möglicherweise gestohlener Kunstwerke aufzuklären, heißt es auf den Webseiten des „Guardian“, wo Rechtsanwalt David Lewis, Co-Vorsitzender der „Europäischen Kommission für Beutekunst“ schreibt: „Vielleicht fühlt man sich in Bayern allgemein und in München im Besonderen kompromittiert, wenn Nazi Beute gefunden wird.“

Der Fund von 1406 Werken in der Münchner Seniorenwohnung – viele säuberlich und fast museumsgerecht in Regalen aufbewahrt und bestens erhalten, wie Siegfried Klöble vom Zollfahndungsamt München bestätigte – ist wie eine vorweggenommene Fortsetzung des Kinofilms „The Monuments Men“, der Anfang des nächsten Jahres in die Kinos kommt. George Clooney hat Robert Edsels Buch über die Arbeit des „Monuments, Fine Arts, and Archives Program“ der Alliierten nach dem zweiten Weltkrieg verfilmt. Cate Blanchett und Matt Damon kümmern sich als Kunsthistoriker um die Rettung und Wiederbeschaffung des europäischen Kulturerbes. Das MFAA fand damals unter anderem 20.000 in Schloss Neuschwanstein versteckte Kunstwerke.

Auch die Sammlung Gurlitt wurde möglicherweise einmal von den MFAA Leuten unter die Lupe genommen. Nach Vermutungen der „Süddeutschen Zeitung“ konnte der Vater des nun verschwundenen, 80-jährigen Cornelius Gurlitt die Alliierten Kunstprüfer aber überzeugen, dass ihm die Kunst rechtmäßig gehöre. Die Sammlung wurde ihm Anfang der Fünfziger Jahre zurückgegeben. Hildebrand Gurlitt, ehemals Museumsdirektor, dann Kunsthändler, gehörte zu einem kleinen, anrüchigen Kreis von Kunsthändlern, die von den Nazis benutzt wurden, um geraubte und als entartet beschlagnahmte Kunst zu „versilbern“. Ein lukrativer Job, bei dem vermutlich auch manches Kunstwerk auf eigene Rechnung billig die Besitzer wechselte. Niemand glaubt, dass das MFAA mit seinen geringen Mitteln damals gründlich genug arbeiten konnte. Gehören wirklich alle Bilder rechtmäßig Gurlitt und seinen Erben? Wird die Prüfung nun besser ausfallen?

Die Wahrheit ist kompliziert, genau wie die Erforschung der wahren Besitzverhältnisse: Es wird sich teilweise um Werke handeln, die von den Nazis in Museen, bei Kunsthändlern, in Privatsammlungen als „entartet“ von den Wänden gerissen und in einer Auswahl 1937 in einer heute anrüchigen Propaganda-Ausstellung gezeigt wurden. Wie viel verbrannt und wie viel heimlich weiterverkauft wurde, ist nie geklärt worden. Teilweise könnten Bilder direkt aus Zwangsverkäufen- oder Versteigerungen stammen, wieder andere wird Gurlitt in und nach den Kriegsjahren rechtmäßig, aber mit lückenhaften Vorbesitzernachweisen gekauft haben. Auch wenn Gurlitt rechtmäßiger Besitzer vieler Bilder sein dürfte – alle haben den Makel jener rechtlosen, amoralischen Periode und sind damit als Kunstmarktobjekte in ihrer Verkäuflichkeit und damit ihrem finanziellen Wert eingeschränkt.

Kommentare zu " Kunstfund in Rentnerwohnung: „Eine Chance für Deutschland“"

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  • "Ausführlich zitieren die Medien den deutschen Sprecher der jüdischen „Claims Conference“"

    Nein, wirklich?
    ... die Medien zitieren einen Sprecher der jüdischen Claims Conference - nicht zu fassen!

    A propos: wie geht und ging eigentlich diese Organisation mit den Entschädigungszahlungen der deutschen Industrie und der ordnungsgemäßen Weitergabe dieser Gelder an die eigentlichen Opfer nochmal um?

    Geld einsacken, Opfer hinhalten, warten, verzögern, verweigern ...

  • Sowohl juristisch als auch moralisch ist der Fall äußerst schwierig: Die Werke waren damals vermutlich deutlich weniger Wert, wann handelte sich also um einen normalen Verkauf an den Kunsthändler und wann nicht. Natürlich hat der Vater damals von den Umständen profitiert die Bilder sehr günstig zu bekommen, aber ist dadurch jetzt der Vertrag zu Stande gekommen oder eben nicht? Auch der Nachweis der Nachkommen wird vermutlich sehr schwierig sein, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen dass in KZ verschleppte Bilder von Ihrer Inneneinrichtung bei sich trugen.
    Bei diesen Werten bin ich mir sicher dass auch Betrüger behaupten werden, Erbe zu sein.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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