Kunsthistoriker und Naturwissenschaftler
Geschichte sichtbar machen

Dutzende Werke französischer Maler hängen in der Gemäldegalerie des Schlosses Sanssouci. Die entscheidende Frage ist: Sind die Bilder echt oder unecht? Gemeinsam begeben sich Kunsthistoriker und Naturwissenschaftler auf Spurensuche.

POTSDAM. Über das fast 300 Jahre alte Parkett in der Gemäldegalerie des Schlosses Sanssouci schlurfen die Forscher in schonenden Filzpantoffeln. Dutzende Werke französischer Maler hängen übereinander, nebeneinander, dicht an dicht. Preußens König Friedrich (II.) der Große (1712 - 1786) sammelte sie Zeit seines Lebens. Heute sind sie Gegenstand einer einzigartigen Kooperation von Kunsthistorikern und Naturwissenschaftlern.

Die Betrachter interessieren sich für ein technisches Detail. „Das ist das älteste französische Gemälde mit Berliner Blau“, sagt Jens Bartoll. Das Gewand der „Dorfbraut“, die Antoine Watteau um 1710 malte, wirkt schwarz. Doch es ist blau, „Berliner Blau“. Diese Farbe, auch „Preußisch Blau“ genannt, wurde, so vermutete man bislang, erst ab Mitte des achtzehnten Jahrhunderts verwendet. Sie löste das lichtempfindliche Indigo und das teure Lapislazuli ab. „Es hat uns sehr gewundert, in einem so frühen Gemälde Berliner Blau zu finden“, sagt Bartoll, Chemiker bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Ist das Bild also erst später entstanden? Oder gar gefälscht? Erlag der König einem Schwindel, als er es erwarb?

Bartoll geht der Sache mit naturwissenschaftlichen Methoden auf den Grund. 50 Gemälde aus der Sammlung, vor allem deren blaue Farbflächen, betrachtet er durchs Mikroskop. Lapislazuli sind große Kristalle, Berliner Blau erscheint als feines Pulver. Bartoll bestrahlt das Gewand der Braut mit Röntgenstrahlen, dann mit infrarotem, sichtbarem und ultraviolettem Licht.

Jedes Blau reflektiert die verschiedenen Lichtarten unterschiedlich. Kein Zweifel: Das Gewand der Dorfbraut enthält neben Lapislazuli auch Berliner Blau. Auch auf anderen Gemälden entdeckt Bartoll das Pigment. Auf Pieter van der Werffs „Die Grablegung Christi“ von 1709 spürt er es im Himmel und im Mantel der Maria auf.

Licht ins kunsthistorische Dunkel bringen schließlich alte Briefe, wie Bartoll auf der Tagung für Archäometrie und Denkmalpflege in Potsdam verrät: Die Farbe wurde demnach schon um 1706 zufällig von Heinrich Diesbach hergestellt, als er auf der Suche nach einem roten Farbstoff war. Das neue Blau hätte sein Labor jedoch kaum so schnell verlassen, wäre da nicht Johann Leonhard Frisch gewesen, ein Berliner Lehrer mit einem Faible für Seidenraupenzucht und Textilfarben. „Er war der Produktmanager für das Pigment“, sagt Bartoll. Frisch verschickte Proben an Ateliers in ganz Europa. Dass die Künstler das neue, preiswerte Produkt dankbar annahmen, bezeugen ihre Werke.

Seite 1:

Geschichte sichtbar machen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%