Kunstkammer-Objekte
Kostbarkeiten unterliegen keiner Mode

Der Kunsthändler Achim Neuse handelt seit 1967 mit Kunstkammerobjekten aus dem 15.bis 18. Jahrhundert. Was Sammler in der von ihm und Volker Wurster geleiteten Galerie auf der Contrescarpe 14 in Bremen finden, ist vor allem die Gruppe der Artificialia, kunsthandwerkliche Preziosen aus unterschiedlichsten Materialien wie Elfenbein, Silber, Bernstein und Horn. Ihren Schwerpunkt hat die Galerie Neuse auf den Goldschmiedearbeiten. Die Nachfrage ist konstant, ihr Wert ständig gestiegen. Große Preissprünge hat es bei Kunstkammerstücken jedoch nie gegeben.

Handelsblatt: Herr Neuse, was ist zurzeit Ihr interessantestes Kunstkammerstück, das Sie im Angebot haben, und was hat es für einen Preis?

Achim Neuse: Sehr typisch für ein Kunstkammerstück ist unser imposanter Nürnberger Nautiluspokal, der um 1640 von Johannes (Hans) I Clauß geschaffen wurde. Von diesem Goldschmied sind noch Nautiluspokale im Moskauer Kreml und in der Kasseler Kunstkammer erhalten. So kommt auch der Verkaufspreis von 620.000 Euro zu Stande.

Was macht dieses Prunkgefäß denn zu einem besonderen Stück?

Den Nautiluspokal zeichnet aus, dass er ein Gesamtkunstwerk ist. Artificialia und Naturalia, in diesem Fall die exotische Perlmuttgestalt des im Pazifik lebenden Nautilus, sind wunderbar gepaart. Wir haben eine sehr schöne Trägerfigur über einem erhabenen Fuß, auf dem sich kleine Reptilien ringeln, und dann die wunderbare Nautilus, die eine Vorstellung von weit entfernten Kontinenten und Meeren ermöglichte. Die meisten Menschen kamen aus ihrer engeren Heimat gar nicht heraus. Völkerkundemuseen und Fernsehen - das gab es damals nicht.

Wenn Sie die privaten Kollektionen Ihrer Sammler Revue passieren lassen, was zeichnet sie aus?

Die Sammler, die bei uns kaufen, haben ihren Schwerpunkt in der deutschen und europäischen Goldschmiedekunst.

Was machen Ihre Sammler mit Ihren Kleinodien? Wie leben sie damit? Gibt es heute noch den Sammler, der sich seine eigene Kunstkammer baut?

Ja, die gibt es, aber sicherlich nicht in der Form wie Kaiser Rudolf II, der ab 1580 auf dem Prager Hradschin eine der größten Universalsammlungen der frühen Neuzeit zusammenstellte. Manche haben sich eine Kunstkammer in der Art eines Studiolos (Studierzimmer) geschaffen; andere arrangieren ihre Kostbarkeiten in Schränken - so wie es der Maler Johann Georg Haintz auf seinem berühmten "Kleinodien-Schrank" von 1666 so realistisch dargestellt hat. Das Bild bewahrt die Hamburger Kunsthalle.

Wo, in welchen Ländern oder Regionen werden Kunstkammerstücke bevorzugt gesammelt?

Deutschland ist das Land mit der größten Tradition. Gesammelt wird aber auch in den romanischen Ländern. Darüber hinaus habe ich jedoch an alle wichtigen internationalen Museen verkauft, u.a. an den Louvre in Paris, das J. Paul Getty Museum in Los Angeles und das Metropolitan Museum von New York.

Zu einer Kunstkammer gehört auch eine Bibliothek. Sie sind ein Bücherliebhaber und es dürfte wohl wenige Kunsthändler geben, die eine bessere Bibliothek haben. Würden Sie sich denn selber auch als Sammler bezeichnen?

Ich sehe unser Angebot so als ob es unsere persönliche Sammlung wäre. Wohl unter der Maßgabe, dass ich etwas verkaufe. Wenn ich aber nichts verkaufe, bin ich nicht traurig

Die Galerie Neuse gibt es nun bereits 42 Jahre. Wie hat sich das Angebot auf diesem Markt im Laufe dieser Jahrzehnte verändert?

Das Angebot wird geringer, da Objekte in öffentliche Sammlungen gelangen. Damit wird der Handelskreislauf unterbrochen.

Wie steht es mit der Nachfrage? Haben Sie auch bereits Geschmackswandel beobachtet?

Bei der Nachfrage hat kein Geschmackswandel stattgefunden, doch sehr wohl einen Generationswandel. Durch die "Moderne" sind die Sammler besonders auch für skurrile und außergewöhnliche Objekte empfänglicher geworden. Wie zum Beispiel Objekte aus Narwalzahn oder Rhinozeros-Pokale.

Was ist mit den Preisen passiert in dieser langen Zeit?

Auch wenn die Preise und die Werte stetig gestiegen sind, hat es nie große Preissprünge bei Kunstkammerstücken gegeben, da diese keiner Mode unterliegen. Die Preise orientieren sich an der künstlerischen Qualität und der Kostbarkeit des verwendeten Materials. Es gibt Kunstkammerstücke in unterschiedlichen Preiskategorien. Ein Figurenautomat aus adligem Besitz hat einen fürstlichen Preis im siebenstelligen Bereich, ein Hornlöffel oder nicht montiertes Serpentin-Objekt ist schon für einige 1.000 Euro zu haben.

Gibt es in diesem Bereich auch Trends? Was ist zurzeit gefragt?

Trends gibt es hier nicht. Die Nachfrage ist konstant. Sie richtet sich nach den finanziellen Kräften der Käufer. Zum größten Teil aber wird sie durch den Bildungsstand inspiriert. Dazu gehört auch ein hohes Interesse an Geschichte, Kunst und kulturellen Entwicklungen. Das vom Staunen geleitete Sammeln und Ordnen außergewöhnlicher Dinge mit der Absicht, um sich einen Begriff von der Welt und ihren Zusammenhängen zu machen, war ja auch der entscheidende Antrieb für die Entstehung von Kunstkammern in der frühen Neuzeit.Geld ist das zweitwichtigste. Ohne Geld geht leider nichts. Mit wenig Geld geht viel.

Die Fragen stellte: Christiane Fricke

www.galerie-neuse.de

Mit Kunstkammerstücken handeln u.a. auch die Kunstkammer Georg Laue in München und Jan Roelofs Antiquairs in Maastricht, Holland.

www.kunstkammer.com

www.janroelofsantiquairs.com

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%