Kunstmarkt
Im Schatten der Moderne

Die wichtigsten Möbelauktionen des Sommers haben in London stattgefunden. Auf dem dortigen Möbelmarkt wehten lauere Winde, doch auch hier zeigte der Markt Schwächen.

LONDON. Die teuersten Möbel in diesem Sommer in London waren vier Boulle-Torchèren, die in Christies Sonderauktion „Boulle to Jansen“ im Mai für 1,12 Millionen Pfund (1,58 Millionen Euro) einem Privatsammler zugeschlagen wurden – wie so oft in den Auktionen der Saison gerade an der untersten Taxe. „Vor fünf Jahren hätten sie mehr gebracht“, sagt man bei Christie und räumt ein, dass im Möbelmarkt nun lauere Winde wehen. Und das, obwohl es sich bei diesen Torchèren um Material der ersten Qualität handelte – anders als bei den beiden Boulle-Wandkonsoltischen dieser Auktion, die ursprünglich einmal Teil eines Aufsatzmöbels waren und nun mit 229 250 Pfund sogar unterhalb der unteren Taxe verkauft wurden.

Die alten Sammler, die sich noch nach dem hohen Geschmacksidealen der klassischen Epoche einrichteten, sterben aus. Boulle-Möbel passten immer schon schlecht in moderne Wohnungen und interessierten nur eine Minderheit. Aber die Schwierigkeiten gehen nun tiefer. „Barock und Rokoko“, so Christies Möbelexperte Marcus Rädecke, „sind immer schwerer zu verkaufen“. Dies ist Teil des großen Trends. „Der Zeitgeschmack hat immer weniger für Antiquitäten und Stilmöbel übrig“, klagte jüngst Christie Chef Ed Dolman. Die Taxen für die Topmöbel werden vorsichtiger, und dennoch wurden viele Topstücke eher in den unteren Schätzbereichen verkauft.

Die Auktionshäuser begegnen diesem Trend, indem mehr und mehr Wyare von traditionellen „Kategorie- Auktionen“ in Sonderveranstaltungen verlagert wird: Sammlungen, Dekorationsensembles, Themenauktionen. Christie gründete eigens ein neues „House Sale Department“; so erhält vieles, was in normalen Auktionen unbeachtet verschwinden würde, neue Aufmerksamkeit. Man hofft, Novizen und Käufer aus anderen Sammelgebieten anzulocken. Erfolgsbeispiele waren die „Boulle to Jansen“-Auktion ebenso wie eine im Mai unter dem Titel „The Decorative Arts of Georgian England“ versteigerte Londoner Sammlung englischer Möbel – beide sensationell erfolgreich.

Die Allgemeinauktionen für europäische Möbel im Juni zeigten dann die Alltagswirklichkeit. Mit 2,2 Millionen Pfund bei Christie und 3,9 Millionen Pfund bei Sotheby lagen sie unter den Ergebnissen der letzten Jahre. Die Absatzquoten gehen zurück. Sotheby verkaufte in den Juni- Auktionen nur 64 Prozent der Lose, bei Christies waren es nur 51 Prozent.

Sotheby hatte wieder gutes italienisches Material, für das der Markt in den letzten Jahren stark war; sieben der zehn Toplose waren hier italienischer Herkunft. Deutsche Möbel dagegen waren schwach beboten. Das zeigte unter anderem der Rückgang eines Roentgen-Marketerieschreibschranks bei Christies (300-500 000 Pfund), auch wenn hier eine nicht unbekannte David-Röntgen-Bodenstanduhr in Obeliskform mit Werk von Peter Kinzig 184 450 Pfund (261 550 Euro) brachte und damit die Taxe fast verdoppelte.

Ein Markt, der auf breiter Front im Rückzug begriffen ist, konzentriert sich auf die überlebensfähigsten, unwiderstehlichsten Stücke, die man einfach nicht übergehen kann. Sie kommen mehr denn je aus dem Bereich des höchsten Kunsthandwerks – weniger Möbel als mobile Meisterwerke und Solitaire.

In Christies Auktion „Boulle to Jansen“ war da eine auf bis 500 000 Pfund geschätzte Qianlong-Vase, von Thomire gefasst, eine der größten ihrer Art (98 cm) und mit weit zurückgehender Provenienz. Ein Privatsammler – sie geben im Spitzenbereich den Ton an – bezahlte dafür 901 250 Pfund oder 1,27 Millionen Euro. Auch Sotheby hatte in seiner Allgemeinauktion im Juni Thomire-Arbeiten als Spitzenlos: Eine Gruppe vergoldeter Empire Bronzen aus dem Besitz des neapolitanischen Prinzen von Avalos, brachte 352 800 Pfund, wiederum durch Privat.

Die Boulle-to-Jansen-Auktion war praktisch der Nachlass des französischen Dekorateurs Pierre Delbée von der Pariser Firma Jansen, den eine europäische Familie 1974 aufgekauft hatte. Wie andere Art- Déco-Einrichter wollte Jansen eine Brücke von der klassischen Ebenistenkunst zur Moderne schlagen. Er kreierte auf Grundlage einer zur surrealen Fantastik neigenden Theatralik einen neuen hohen Stil.

Nun rissen sich die Käufer um die skurrilen Wandappliken und Leuchter aus Muscheln. Eine Gruppe von vier Wandappliken, die nach Art des Altmeistermalers Arcimboldo aus Fundstücken Gesichter und andere Figurationen zusammensetzen, brachte einen Toppreis von 100 450 Pfund – taxiert waren 8 000 bis 15 000 Pfund. Erfolgreich sind die Blickfänger – Boisserien, Kaminteile, Marmorvasen, Kunstobjekte, Luxusleuchter –, nicht klassische Möbeltypen. Ein Paar Transitionszeit-Kommoden sicherte sich ein Privatsammler bei Sotheby für 341 600 Pfund – aber sie hatten nicht nur Adelsprovenienz, sondern ein rasantes Dekor aus chinesischen Lackpaneelen, ergänzt durch europäischen Vernis Martin. Ein Paar zugehöriger Armoires ließ sich der Handel für 263 200 Pfund zuschlagen. Zu den Rückgängen gehörten traditionelle Hoffnungsträger, neben dem Röntgen Schreibschrank (350/500 000 Pfund) etwa ein korallenrotes bureau de Dame von Delorme (150 000 bis 200 000 Pfund).

Besonders enttäuscht war man dann, als bei Christie eine der in den letzten Jahren für Toppreise verkauften Pietre-dure-Tischplatten der florentinischen Steinschneider mit Parallelstück in Schloss Schönbrunn unverkauft blieb. Dabei war die Taxe, gemessen an Vergleichsergebnissen der letzten Jahre, mit 300-500 000 Pfund durchaus realistisch.

Englische Möbel – ein überschaubarer Markt, den der Londoner und New Yorker Handel unter sich bestreitet - liegen vielleicht besser im Trend zu zurückhaltender und modern leichter Möbilierung. Die Ergebnisse der Juli-Auktionen konnten mit denen der europäischen Möbel durchaus mithalten. Christie setzte 2,5 Millionen Pfund und Sotheby 3,25 Millionen Pfund um, wobei der Absatz mit 64 Prozent bei Christies und 72 Prozent bei Sothebys deutlich besser war.

Die Versteigerung der Privatsammlung im Mai gab hier willkommene Vertrauenssignale. Die über 50 Jahren hinweg bei der renommierten Londoner Handlung Norman Adams zusammengestellte Sammlung brachte mit 6,5 Millionen Pfund fast die doppelte Taxe, und wenn der Absatz auf der Grosvenor Fair anschließend auch nicht gerade berückend war, so spürten die Möbelhändler dadurch doch Rückenwind.

Das schlug dann auf die Juli-Auktionen durch mit einer ausgewogeneren Beteiligung von Privatkäufern und Händlern. Ein großer, ovaler Weinkühler auf Cabriolebeinen mit Ormolubeschlägen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde für die fünffache Taxe von 341 250 Pfund in den Handel verkauft. Im Mai hatte eine zarte, kleine „Bachelors Chest“ einen Rekordpreis von 363 500 Pfund gebracht – eine schlichte Kommode, die als Sensationsmerkmal nicht mehr hatte als eine harmonische Form und die unberührte Patina von fast 300 Jahren.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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