Kunstmarkt
Manche sprechen schon von Boom

Vom frischen Wind auf dem Fotomarkt profitieren nicht nur Klassiker und Zeitgenossen.

DÜSSELDORF. Ein bislang unbekannter Daguerreotypist namens Joseph-Philibert Girault de Prangey stürmte unlängst die Hitlisten des britischen Auktionshauses Christie – 161 Jahre, nachdem er mit den Ingredienzen einer halben Apotheke und schwerem Gerät die Akropolis in Athen hinaufgekeucht war. Am 20. Mai 2003 kletterte seine auf 90 000 bis 120 000 Pfund taxierte Aufnahme vom Zeus-Tempel in wenigen Minuten auf atemberaubende 789 654 Euro. Das ist nicht nur der höchste Preis, der je für ein fotografisches Bild des 19. Jahrhunderts bezahlt wurde. Es ist auch das Signal für ein neues Interesse am Fotomarkt.

Zwei Faktoren haben diese, vom Kölner Auktionshaus Lempertz bereits zum „Boom“ deklarierte Tendenz stark befördert: das Erscheinen von hochkarätigen Privatsammlungen wie der des Pariser Buchhändlers André Jammes auf dem Markt, versteigert im Herbst 1999 in London und im Frühjahr 2002 in Paris, sowie das zunehmende und nicht zwangsläufig mit mühselig erworbenen Spezialkenntnissen fundierte Begehren nach „schönen Bildern“. Dazu gehören neben den großformatigen Arbeiten jüngerer Fotokünstler nun ohne Zweifel auch die kleinen Preziosen aus der Frühzeit des Mediums.

Diese Art von Begehren beflügelt auch den deutschen Markt, wie an den prominenten Zuschlägen der Auktionshäuser Schneider-Henn in München (Frühjahr 2002) und Lempertz in Köln (November 2000) abzulesen ist. Erst die Frühjahrsauktion 2003 bescherte dem Kölner Versteigerer den stattlichen Hammerpreis von 21 000 Euro für eine anonyme Daguerreotypie einer Reisegruppe im Innenhof der Alhambra, Granada.

Dietrich Schneider-Henn setzte auf der jüngsten Auktion laufend über dem Schätzpreis ab und erzielte häufig den doppelten oder sogar dreifachen Wert. Die Materialbeschaffung ist innerhalb Deutschlands indessen nicht einfach. Kriegsverluste und die viel zu spät und zu langsam vonstatten gehende Sensibilisierung für das Kulturgut Fotografie haben große Lücken hinterlassen.

Grenzüberschreitend erfolgreich und stabil ist der Markt für die Becher-Schule und ihr Umfeld sowie überhaupt für die junge, auf bildmäßige Wirkungen abzielende zeitgenössische Fotografie. Sie hatten es relativ einfach, sich auf hohem Preisniveau zu etablieren. Davon profitiert vor allem der auf zeitgenössische Kunst abonnierte Handel. Gaby Kraushaar, Düsseldorf, hat mit jungen Düsseldorfer Fotokünstlern einen Schwerpunkt ausgebaut. Heidi Reckermann, Köln, reüssiert mit Katharina Bosse (Preise 1 800 bis 7 000 Euro). Bosse hat sich in New York auch als Auftragsfotografin für Magazine etabliert und wird demnächst in Bielefeld eine Professur antreten.

Nina Schmitz, vertreten von Christel Schüppenhauer, Köln, und der Galerie Kämpf in Basel, ist stolz, dass Sie und ihr Partner Oliver Mauelshagen mit ihren inszenierten Geschichten für die Kamera eine vierköpfige Familie ernähren können. Abgerechnet wird nach Quadratmetern. 1 400 DM kostete 1 m2 Diasec vor sechs Jahren, zu Beginn ihrer freien, künstlerischen Arbeit, damals noch in einer Auflage von zehn Stück. Heute muss man 3 000 Euro für eine 6er-Auflage berappen. Die Kollegen erzielen ähnliche Preise, sagt sie.

Schwerer hat es die journalistische Fotografie, was auch mit der Rechte-Frage an Agentur-Fotos zusammenhängt. Eine prominente Ausnahme bildet der ehemalige Magnum- und Kriegs-Fotograf James Nachtwey. 1 750 Euro kosten bei der OMC Galerie, Düsseldorf, die ersten zehn (von 30) Schwarzweiß-Fotos. Material, das nur dank einer Kooperation mit der Fahey/Klein Gallery, Los Angeles, für den hiesigen Markt verfügbar wurde.

Nachtwey ist im übrigen ohne Vorlaufzeit auf dem Kunstmarkt erfolgreich. Erst 2000 hatte er seine erste Museumsschau, 2002 seine erste Ausstellung in einer Galerie. Ein Senkrechtstarter, dessen Erfolg sicher auch durch die erhöhte Aufmerksamkeit für Kriegsreporter infolge des Irak-Kriegs befeuert wurde.

Von derartigen, international wirksamen Attraktionspotenzialen sind die deutschen Klassiker weit entfernt, wenn sie nicht gerade August Sander, Karl Blossfeldt oder Albert Renger-Patzsch heißen. Das gilt auch für die Gruppe fotoform und die Subjektive Fotografie: beides Bereiche, die Rudolf Kicken seit langen Jahren auch international in Stellung bringt. Aktuell liegt die Subjektive Fotografie bei ihm zwischen 2 000 und 12 000 Euro. Zwei experimentelle, abstrakte Bilder von Otto Steinert verkauften sich für je 25 000 Euro.

Von einer „Inflationierung“ solchen Materials hält Kicken jedoch wenig – und spielt, wenn er das sagt, auf die jüngste Auktion bei Schneider-Henn an. Auf Rundreisen zu den ehemaligen Studenten Steinerts akquirierte der Münchner Antiquar einen großen Teil des Materials für seine Frühjahrsauktion und einen Katalog, auf den er besonders stolz ist.

Alle Schüler gingen mit einer einheitlichen Taxe von 1 000 Euro an den Start. Eine Marke, die nur die prominenteren, darunter Kilian Breier, Peter Thomann, Guido Mangold und Walter Vogel, überschritten haben. Von den 13 Steinert-Arbeiten kam eine experimentelle Montage auf 15 000 Euro. Insgesamt wurde mit Steinert, den Schülern, der Gruppe fotoform und Subjektiver Fotografie bei einer Zuschlagsquote unter 60 Prozent etwa drei Viertel des Schätzwerts erzielt. Schneider-Henns Fazit: „Ein Kunstwerk mit guter Qualität genügt nicht. Es braucht auch einen guten Namen.“

Quelle: Handelsblatt

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