Kunstmarkt
Selbstbewusst gegen die Krise

Im Frühjahr lauteten die Prognosen, dass es mit dem globalen Kunstmarkt fortan bergab gehe. Von Krisenstimmung ist heute nur wenig zu spüren. So zeigt sich der Kunstmarkt selbstbewusst und schaut positiv in die Zukunft.
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DüsseldorfDer globale Kunstmarkt schrumpft - das rechnete erst vor wenigen Wochen der Marktbericht der Art Basel, der wichtigsten Kunstmesse der Welt, vor. Nach einem Allzeitrekord 2014 seien die Umsätze des weltweiten Kunstmarkts um 17 Prozent auf 56,6 Milliarden Dollar 2016 (rund 50 Mrd Euro) gefallen. Von „Götterdämmerung“ und allgemeiner Verunsicherung war in der Branche die Rede. Geht es wirklich bergab?

Für 2017 stehen die Zeichen bei den großen Häusern Christie's und Sotheby's schon wieder auf Wachstum. Und auch Rekorde werden wieder vermeldet. Im Mai versteigerte Sotheby's in New York das Gemälde „Untitled“ des New Yorker Künstlers Jean-Michel Basquiat für rund 110 Millionen Dollar (99 Mio Euro) - das war der bisherige Auktionsrekord in diesem Jahr, noch dazu in dreistelliger Millionenhöhe.

Sotheby' setzte im ersten Halbjahr 2017 rund 2,5 Milliarden Dollar um - ein Plus von 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. „Ein klares Indiz, dass das Vertrauen in den Markt anhält und wächst“, sagt Europa-Chef Philipp Herzog von Württemberg. „Wir erwarten also positiv gestimmt die zweite Hälfte des Jahres.“

Beim Konkurrenten Christie's stiegen die Auktionsverkäufe in den ersten sechs Monaten sogar um 14 Prozent auf 2,8 Milliarden Dollar. „In schlechten Zeiten liefern die Leute nicht ein“, sagt eine Sprecherin. Die Zeiten können auf dem Kunstmarkt also wohl so schlecht nicht sein.

Aber wie stark kann man Indizes und Marktberichten aus der Kunstwelt überhaupt trauen? Hans Neuendorf, Gründer des Internetdienstleisters Artnet, der Auktionspreise weltweit veröffentlicht und analysiert, lacht: „Den Kunstmarkt kann man nicht messen“, sagt er. „Ihn in ein Korsett pressen zu wollen, das normalen marktwirtschaftlichen Regeln folgt und empirisch nachweisbar ist - vergessen Sie's.“

Etwa die Hälfte des Marktumsatzes machen nach groben Schätzungen Galerien aus. Das Problem: Künstler, Sammler und Galerien wickeln die meisten Transaktionen diskret ab und sind verschwiegen. Umsatzstatistiken gibt es nicht. Der Galeriemarkt wird von einigen großen Playern wie Gagosian, Zwirner oder Hauser & Wirth beherrscht. „Das größte Geheimnis ist, wie die Preise wirklich sind“, sagt Neuendorf. Jedenfalls seien die Millionenpreise nur die „spekulative Spitze eines Teils des Kunstmarkts“.

Wenn man ehrlichere Antworten zur Lage der Branche bekommen will, muss man die deutschen Auktionshäuser fragen. „Es ist sicherlich richtig, dass es eine Konsolidierung gibt“, sagte Markus Eisenbeis, Inhaber des Kölner Auktionshauses Van Ham. Viele Sammler wollten ihre Kunst jetzt nicht verkaufen. Der Kunstmarkt funktioniere eben nicht wie ein Aktienmarkt, auf dem es immer genügend Angebot gibt. Derzeit fehlten Spitzenwerke. „Wenn die da gewesen wären, dann wären die auch gut verkauft worden.“

Van Ham hielt sein Halbjahresergebnis mit rund 15 Millionen Euro ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres. Eisenbeis rechnet nicht damit, dass die Preise „jetzt irre nach oben gehen“. Auch die Einlieferer müssten bei ihren Preisvorstellungen „wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden“.

Weniger Angebot, aber leicht steigender Umsatz, heißt es bei Ketterer in München. Die Zahl der angebotenen Objekte sank um 38 Prozent von 2265 auf gut 1400. Dennoch sei der Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 21 auf 22 Millionen Euro leicht gestiegen, sagt Inhaber Robert Ketterer. „Wir akzeptieren nicht alles“, begründet er das gesunkene Angebot. Auch bei Ketterer beobachtet man überzogene Erwartungen der Einlieferer, die unter dem Eindruck der Rekordjagd der vergangenen Jahre stehen. „Wir sind nicht bereit, zu hohe Preisvorstellungen der Kunden zu akzeptieren“, sagt Ketterer. „Wir sind zu einem gesunden Realismus zurückgekommen.“

Die Nachfrage der Sammler und Investoren sei nach wie vor hoch. Die deutschen Auktionshäuser profitierten von einem „extrem gesunden Mittelstand und wahrscheinlich der weltweit dichtesten Sammlerschaft“.

Grisebach in Berlin, das neben Ketterer zu den umsatzstärksten Auktionshäusern in Deutschland zählt, verfehlte mit 18,1 Millionen Euro das Ergebnis der Vorjahressaison knapp. Grund seien „Zufälligkeiten im Angebot“, heißt es dort. Die Prognose: „Wir sind zuversichtlich. Der Markt ist nicht zuletzt aufgrund der niedrigen Zinsen kauforientiert.“ Einen direkten Einfluss der aktuellen politischen Lage auf den Kunstmarkt sieht Grisebach nicht.

Artnet-Gründer Neuendorf meint, dass die Branche die Intransparenz des Markts auch genau so wolle. „Es hat den Geruch von Abenteuer. Es ist risikobeladen. Es ist sehr elitär“, sagt er. „Mit anderen Worten, die Leute haben den Kunstmarkt, den sie mögen.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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