Kunstmarktforschung
Im Netz des Nationalsozialisten

Ein zentrales Thema der Kunstwissenschaft ist der Kunstmarkt im Nationalsozialismus. Jetzt sind zwei sehr lesenswerte Kunstmarktbücher erschienen, die sich mit symptomatischen Teilaspekten der braunen Ära beschäftigen.
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BerlinDer Kunstmarkt im Nationalsozialismus ist seit den 1990er- Jahren ein zentrales Thema der Kunstwissenschaft. Im Zuge der Provenienzforschung werden Versteigerungskataloge von 1933 bis 1945 durchforstet, und nicht nur die Kunstpolitik der braunen Jahre, sondern auch ihre Marktstrategie und Preisbildung werden beleuchtet. Zwei Neuerscheinungen befassen sich mit symptomatischen Teilaspekten dieser Ära.

Eine verdienstvolle Neuerscheinung ist Meike Hopps gut recherchierte Studie "Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien". Sie nimmt einen Kunstvermittler in den Blick, der den Kunstmarkt der Nazi-Ära entscheidend prägte: als Parteigenosse, Händler und marktbeherrschender Auktionator. Hopps Dissertation schildert die Stationen dieser Karriere und ihre Geschäftspraktiken minutiös und bettet sie in das kunstpolitische Panorama der Zeit ein. Das Buch ist ein Gemeinschaftsprojekt des Münchener Zentralinstituts für Kunstgeschichte und des Kunstauktionshauses Neumeister, das im Juli 1958 die Firma des verstorbenen Adolf Weinmüller übernommen hatte und die Studie beispielgebend finanzierte.

Weinmüller ist der Prototyp eines wendigen Netzwerk-Profiteurs im NS-Staat. Im Juli 1921 war er vom Oberforstdirektor zum Kunst- und Antiquitätenhändler mutiert und trat 1931 in die NSDAP ein. Schon 1933 war er federführend an der Gleichschaltung der Kunsthandels- und Kunstversteigerer-Verbände beteiligt, die 1935 in der Reichskammer der bildenden Künste aufging.

Als der jüdische Kunsthändler Hugo Helbing 1936 sein Auktionshaus schließen musste, eröffnete Weinmüller im Münchener Palais Leuchtenberg am Odeonsplatz sein Auktionshaus, das schnell zur ersten Adresse wurde. Einzig ernst zu nehmende Konkurrent war der Berliner Hans W. Lange, der 1937 die jüdische Berliner Firma Paul Graupe "arisiert" hatte und bis Ende 1943 nicht weniger als 35 Auktionen abhielt.

Kommentare zu " Kunstmarktforschung: Im Netz des Nationalsozialisten"

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  • So verdienstvoll die Bearbeitung der Gechichte der Fa. Weinmüller-Neumeister ist,ebenso unverständlich ist die Versteigerung ca. 1971 des Nachlasses Herman Göring bei Weinmüller durch Rudolf Neumeister in München.Lempertz hatte dies strikt abgelehnt;allerdings ist sein Inhaber auch von den Nazis 1942 verhaftet worden,weil er jüdischen Kunden noch geholfen hatte.
    Es wäre aber mal interessant die sogenannte Reichskulturkammer zu untersuchen.Jeder Kunsthändler musste dort Mitglied sein,die Berufsverbände wurden quasi gleichgeschaltet ,und so waren auch erst mal die jüdischen Antiquare Mitgileder.Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Biographie von Dascher über die Galerie Flechtheim,die mit mancher falschen Berichterstattung über Flechtheim aufräumt.Er war genauso Mitglied der Reichskulturkammer wie sein Düsseldorfer Kollege Paffrath,der aber fleißig mit den Nazis im Geschäft gewesen sein soll ebenso wie Julius Boehler in München.

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