Kunstrestaurator in Brasilien: Radikaler Alemão

Kunstrestaurator in Brasilien
Radikaler Alemão

Eigentlich war Stephan Schäfer nur zu Besuch in São Paulo. Doch dann traf er auf zerstörte Bilder und Bücher und haarsträubende Rettungsmethoden. Heute ist der Deutsche einer der wichtigsten Kunstrestauratoren Brasiliens. Einblicke in die Arbeit eines Unbestechlichen.

HB. Als der Anruf kam, musste alles ganz schnell gehen. Verdacht auf Pilzbefall. Der Herr Doktor wünsche, dass er sofort seine Sammlung begutachte. Der Privatjet stehe bereit, um ihn in São Paulo abzuholen. Der Kunstrestaurator Stephan Schäfer, im Jahr 1996 erst seit kurzem in Brasilien, ist überrascht, sagt aber zu. Noch am gleichen Tag fliegt der Deutsche nach Südbrasilien. Am Flughafen wird er von einem Fahrer abgeholt, der ihn zu einem hochherrschaftlichen Schloss bringt. Im Gästehaus hat er gerade seine Sachen abgelegt, da erklärt auch schon die Haushälterin: „Der Herr Doktor wünscht, dass Sie noch heute Abend einen vorläufigen Bericht über den Zustand seiner Werke abgeben.“ Wie gesagt – Verdacht auf Pilzbefall.

Schäfer folgt dem Befehl, steigt in die düsteren Gänge des Schlosses herab und schaut sich die 90 Bilder an. Die Klassiker der südamerikanischen Malerei sind seltsam bräunlich getönt. Mit einem Handmikroskop macht er Stichproben, und entdeckt bei allen Gemälden organische Fasern und Blättchen. Er kann sich keinen Reim darauf machen. Das Abendessen findet an einer Tafel statt, die Platz für 40 Gäste bietet. Schäfer ist der einzige Gast, am anderen Tischende sitzt der Kunstsammler. Nachdem Schäfer von seinen Beobachtungen berichtet hat, weist ihn der Auftraggeber an, so schnell wie möglich zu restaurieren. „Ab morgen“, sagt der distinguierte Herr, der durch ein Kachel- und Fliesenimperium in dritter Generation reich geworden ist, und den Habitus eines europäischen Adligen pflegt. „Geld spielt keine Rolle.“

Eine Ansage, die Schäfer in den vergangenen Jahren immer wieder gehört und befolgt hat. Zwölf Jahre nach seinem Start ist Schäfer einer der führenden Kunstrestauratoren des Landes. Von den Einblicken in die brasilianische Gesellschaft, die ihm sein Beruf bringt, ist er bis heute immer wieder überrascht. Denn die oberen Zehntausend, eine für europäische Maßstäbe unermesslich reiche Elite, lässt sich normalerweise nicht in die Karten schauen. Doch gegenüber Schäfer, dem Ausländer, dem Bilderretter öffnen sie sich. „Es ist eine intime, sehr persönliche Arbeit“, sagt er, „die nur mit dem direkten Kontakt zwischen Kunde und Restaurator funktioniert.“ Und eine Arbeit die Diskretion und Taktgefühl verlangt.

Nachdem Schäfer 1996 in dem hochherrschaftlichen Schloss in Südbrasilien am nächsten Morgen begonnen hatte, die Bilder zu reinigen, fragt er die Haushälterin, was mit den Werken passiert sein könnte. Sie selbst weiß es nicht, ruft aber das Kindermädchen. Dieses erzählt ihm eine unglaubliche Geschichte: „Ich habe tagelang unter Tränen gearbeitet. 18 Kilo Zwiebeln habe ich halbiert und die Bilder damit abgerieben, um die Pilze zu töten“, sagt sie, und ergänzt: „Der Doktor habe darauf bestanden.“ Schäfer ist damals sprachlos, heute kann er darüber lachen. Denn er hat noch ganz andere Praktiken kennengelernt. „Es kommt regelmäßig vor, dass die Putzfrau die Rückseite von schlaff gewordenen Leinwandbildern mit dem Schlauch abspritzt, um sie dann in der Sonne zu trocknen. Danach hängen diese wieder prima straff an der Wand.“ Wenigstens eine Zeit lang – bevor sie bei Schäfer zur Restaurierung landen. „Dann war es natürlich immer die dumme Putzfrau, die unverantwortlich gehandelt hat.“

Eigentlich hatte Schäfer gar nicht vor, nach Brasilien auszuwandern und dort als Restaurator zu arbeiten. Damals war er frisch verheiratet und wollte seiner brasilianischen Ehefrau, die ebenfalls Restauratorin ist, nur für ein paar Monate nach São Paulo folgen. kennengelernt hatten sich beide während Forschungsarbeiten in den USA. Zusammen mit ihr wollte Schäfer an der Universität Göteborg seine Promotion zu Ende bringen. Doch die Geburt des ersten Sohnes ändert die Pläne: „Forschung und Wissenschaft sind wunderschön. Aber wir brauchten Geld.“ Schäfer gibt Englischunterricht, und in der abgetrennten Waschküche baut er mit seiner Frau das erste Atelier auf.

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