Kunstverkäufe
Kunst und Kommerz in der Krise

Krisen sind Gift für die Kunst in den Unternehmen. Was noch vor der Krise als undenkbar galt, ist inzwischen an der Tagesordnung. Immer mehr Banken, einst Mäzene von Kunst und Kultur, verkaufen ihre im Laufe der Zeit angehäuften Sammlungen – nicht immer freiwillig.
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DÜSSELDORF/LONDON. Es ist ein großer Schritt für die ausgemergelte Figur, die einst hoch angesehen bei Manhattan Chase logieren sollte, dann aber doch zur Dresdner Bank wechselte, bei der Commerzbank landete und übermorgen Abend einem ungewissen Schicksal entgegen sieht. Dann versteigert das amerikanischen Auktionshaus Sotheby’s in London die berühmte Skulptur „Der Schreitende“ des italienischen Künstlers Alberto Giacometti. Sie gilt als eine der wichtigsten Großskulpturen des Malers und Bildhauers, dessen wie von Magersucht gezeichneten Werke längst Weltruhm erlangten.

Zwischen zwölf und 18 Mio. Pfund wird ihr Verkauf der Commerzbank in die Kassen spülen – mindestens, so Schätzungen. Angeschafft hatte die Skulptur Dresdner-Bank-Vorstand Manfred Meier-Preschany im Jahr 1980, den die Kunst täglich auf den Fluren an der Frankfurter Gallusanlage begleitete.

Alles muss raus

Bis jetzt: Was noch vor Finanzkrise als undenkbar galt, ist inzwischen an der Tagesordnung: Immer mehr Banken, einst Mäzene von Kunst und Kultur, verkaufen ihre Pretiosen – nicht immer freiwillig. So muss die knapp der Pleite entronnene Royal Bank of Scotland (RBS) künftig nicht nur ihre Kunst gemeinnützig verwalten, sondern sich auch von dem einen oder anderen Werk ihrer auf 15 Mio. Pfund geschätzten Sammlung trennen, zeitweilig oder für immer. Die sorgsam gehüteten Kunstschätze aus Tochterunternehmen und Filialen sollen häufiger als Leihgaben in Museen hängen – oder wenigstens in Krankenhäusern. „Netto werden wir in der Zukunft eher Verkäufer, denn Käufer von Kunst sein“, kündigte RBS-Chefökonom Andrew McLaughlin an. Schließlich wird die RBS durch im Krise kleiner, muss Töchter verkaufen und Filialen schließen, da braucht sie auch weniger Kunst im Bau.

Krisen sind Gift für die Kunst in den Unternehmen. Das war schon 2000 so, als die RBS die britische Traditionsbank Natwest übernahm. Das Institut hatte gerade eine Kuratorin angeheuert, die die Natwest-Sammlung völlig neu organisieren und ausbauen sollte. Ein paar Ölgemälde mit Londoner Ansichten aus dem 18. Jahrhundert hatte die Frau bereits für 1,7 Mio. Pfund versteigern lassen und plante, mit dem Erlös Nachkriegskunst zu kaufen. Das Image der Bank sollte damit jünger werden.

Doch dann kam die Übernahmeschlacht, die RBS gewann den Kampf und die 2 200 Natwest-Kunstwerke wurden mit dem Altbestand der RBS verschmolzen – das waren meist ehrwürdige Bankerporträts. Danach geriet die Sammlung der Natwest in Vergessenheit. Und auch für die neue Kuratorin gab es keine Verwendung mehr.

Wie man eine Bankensammlung vor der Zerschlagung schützt, zeigten die Flemings. Als ihr gleichnamiges Institut im Jahr 2000 von Chase Manhattan Bank übernommen wurde, kaufte die alte britische Bankiersfamilie die Kunstsammlung. Sie brachte sie in eine Stiftung ein und schenkte noch ein kleines Museum dazu. Das Haus am Berkeley Square ist heute ein beliebtes Aushängeschild schottischer Kunst in London.

Keiner will es haben

Zwar treten Banken regelmäßig als Kunstkäufer auf, doch meist bleiben die erworbenen Werke der Öffentlichkeit verborgen, hängen in Vorstandsbüros oder zieren Konferenzräume. Das lässt viel Platz für Spekulationen: Von verborgenen Schätzen, die im Keller der Bank vor sich hin staubten und Millionen wert seien, war die Rede bei der RBS. Die Bank dementierte: „Das meiste ist tatsächlich nur dazu da, weiße Wände in Büros zu schmücken. Es ist nicht so, dass die Museen uns die Türen nach unserer Kunst einrennen würden“, sagt eine Sprecherin der RBS zu Presseberichten über die angeblich verborgenen Kunstschätze der Bank. Das meiste aus ihrer Sammlung sei für Museen uninteressant, weil nicht gut genug.

Ein Frage der Ehre

Wie bescheiden eine Firmensammlung ausfallen kann, zeigt der Online-Katalog der Lehman Brothers Collection. Der Auktionator Freeman’s in Philadelphia nahm in einer ersten Versteigerung am ersten November 2009 gerade einmal 1,35 Mio. Dollar für die 280 zu versteigernden Kunstobjekte der amerikanischen Pleitebank ein. Selbst das teuerste Werk, der Siebdruck „I Love Liberty“ des Pop-Art Künstlers Roy Lichtenstein, brachte nur 49 000 Dollar. Das war eben nur „Bürokunst“. Dennoch versteigert Freeman’s am 12. Februar noch einmal Lehman-Memorabilia. – Doch die werden wahrscheinlich noch weniger bringen.

Unabhängig von der Qualität der Kunstschätze: In der Finanzkrise die eigenen Kunstobjekte zu verkaufen, das ist schlecht fürs Image und löst mögliche Finanzprobleme nicht, darin sind sich die Banker einig. Und das weiß zum Beispiel auch Commerzbank-Chef Martin Blessing. Deshalb wird der Auktionserlös für die Giacometti Skulptur des „Schreitenden“ nicht in die Kassen der Bank, sondern in das neu gegründete Stiftungszentrum und in Museen fließen.

Einen Ausverkauf der Dresdner-Bank-Kunstwerke will er ebenfalls nicht. Von den rund 3 000 Kunstwerken der Dresdner Bank kommen die hundert wichtigsten als Dauerleihgaben in Museen in Frankfurt, Berlin und Dresden. Da trifft dann Warhols poppig bunter „Goethe“ sein Vorbild im Frankfurter Städel Museum, wo sich der klassizistische „Goethe in der römischen Campagna“ auf dem Gemälde des hessischen Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein räkelt.

Giacometti

Der Schreitende: Die Großskulptur steht für das Lebensgefühl der Nachkriegszeit, den Existenzialismus und die Isolation der Moderne. Den „Schreitenden I“ versteigerte Christie’s bereits 1988 für 3,7 Mio. Pfund (6,8 Mio. Dollar). Sotheby’s schätzt die Skulptur aus der Sammlung der Dresdner Bank jetzt auf bis zu 18 Mio. Pfund.

Die anderen: Giacomettis Skulpturen erzielen Rekordpreise:. „Der schwankende Mann“ hatte 2007 bei Christie's schon 18,6 Mio. Dollar gebracht, bei Sotheby’s 2009 waren es sogar 19,3 Mio. Dollar. Teuerste Giacometti-Skulptur aller Zeiten wurde „Grande Femme debout“ im Boom-Mai 2008. Damals nahm Christie's damit 27,5 Mio. Dollar ein.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Kunstverkäufe: Kunst und Kommerz in der Krise"

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  • Es ist eigentlich nur schade (milde ausgedrückt), das so ein bedeutendes Giacometti Werk nun das Land verlassen wird. Und ich vermute auch nur die Spitze des Eisberges von solchen Fällen. Kunstsammlungen aus Unternehmen leiden weltweit unter den Folgen der Finanzkrise. Da werden teils komplette bedeutende Fotosammlungen auf dem Markt angeboten, oder einzelne Stücke aus dem Sammlungskontext herausgerissen.

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