Kurzresension
Kohle unter den Fingern

Dies ist ein merkwürdiges Buch. Eine stringente Handlung gibt es nicht. Eigentlich passiert wenig. Trotzdem baut sich Spannung auf, das Gefühl, das etwas geschehen wird. Was dann auch passiert. Zu lesen in Rothmanns "Junges Licht".

Dies ist ein merkwürdiges Buch. Eine stringente Handlung gibt es nicht, vor dem Leser laufen die Sommerferien eines Pubertierenden im Ruhrgebiet der sechziger Jahre ab. Der zwölfjährige Julian muss zu Hause bleiben, weil das Geld nicht für einen gemeinsamen Urlaub seiner Familie reicht. Eigentlich passiert wenig. Trotzdem baut sich Spannung auf, das Gefühl, das etwas geschehen wird. Was dann auch passiert.

Der Reiz liegt aber vor allem in der Sprache, die durch ihre Treffsicherheit, den Verzicht auf Manierismen und die präzisen Beschreibungen ein Genuss ist. Der Autor setzt kurze Szenen, deren Abgründigkeit manchmal erst Seiten später erkennbar wird. Er beschreibt nicht, wie ein pubertierender Junge sich fühlt. Sondern er modelliert die teils skurrilen, teils bedrohlichen Erwachsenen, das Nachbarmädchen und die ganze Umgebung so fremdartig und unverständlich, wie ein Jugendlicher sie in diesem Alter erlebt. Die eingestreuten knappen Schilderungen der Arbeit im Schacht geben dem Buch eine zusätzliche Dimension. Neben das Leben an der Oberfläche tritt die zweite Wirklichkeit des Reichs unter Tage: Hier erschließt sich eine fremde Welt, mit einer eigenen Begrifflichkeit, die Rothmann so souverän beherrscht, dass man die Kohle unter den Fingern spürt.

Ralf Rothmann: Junges Licht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2004, 237 Seiten, 19,90 Euro

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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