Kurzrezension D. Wellershoff
Der Himmel ist kein Ort

Die Figuren in Dieter Wellershoffs neuem Roman haben eines gemeinsam: Trost gibt es für sie keinen. Was auch immer sie tun, führt sie zurück zu sich selbst und dem, was ihnen am meisten fehlt oder auf schmerzliche Weise abhanden gekommen ist. Einzig der Grad der Ausweglosigkeit unterscheidet sie.
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Ralf Henrichsen, ein evangelischer Priester, versucht, in seiner neuen Gemeinde eigene Akzente zu setzen. Doch die gewachsenen Strukturen lassen ihm wenig Spielraum. Erschwerend kommt hinzu, dass ihm der Glaube an die zentralen Fragen der christlichen Religion abhanden gekommen ist.

Als ein Vater unverletzt den Unfall überlebt, bei dem seine Frau den Tod findet, sein Sohn mit irreparablen Hirnschäden überlebt, wird Henrichsen noch in der Unfallnacht gerufen, um den Vater seelsorgerisch zu betreuen. Diese Aufgabe wird zur schweren Prüfung für den Priester und sein Verhältnis zur Gemeinde: Der Verdacht, der Mann könne den Unfall absichtlich herbeigeführt haben, wird immer drückender.

In einer Nebenhandlung projiziert eine Frau, die Henrichsen auf einer Hochzeit flüchtig kennenlernte, ihren unerfüllbaren Liebeswunsch auf den viel jüngeren Geistlichen, der bald schon meint, in eine „aus eigenen und fremden Sehnsüchten zusammengesetzte Falle“ geraten zu sein.

Die Figuren in Dieter Wellershoffs neuem Roman haben eines gemeinsam: Trost gibt es für sie keinen. Was auch immer sie tun, führt sie zurück zu sich selbst und dem, was ihnen am meisten fehlt oder auf schmerzliche Weise abhanden gekommen ist. Einzig der Grad der Ausweglosigkeit unterscheidet sie. Während der in dem Dorf isolierte Vater seinem Leben schließlich ein Ende setzt, kehrt die Frau, die in Henrichsen, dem Seelenverwandten, einen Geliebten zu finden hoffte, zurück in ihr vorheriges Leben, aus dem sie mit so viel Energie und Hoffnung ausgebrochen war. Henrichsen selbst lebt weiter im „Gleichmaß der Alltäglichkeiten“, jedoch im Gefühl, „dass er mit allem, was er tat, einen Schutzwall gegen eine ständig drohende Formlosigkeit und einen schleichenden Verfall zu errichten versuchte“.

Der Kölner Autor Wellershoff (83) erzählt mit einfühlsamer Sympathie von der Seelenpein seiner Figuren und legt damit eine Variation über das christliche Ecce-Homo-Motiv vor. Doch während das Christentum das Leid und die Wunden, die das Leben schlägt, als heilbar sieht und Erlösung für möglich hält, sind Wellershoffs Charaktere Wesen ohne Glauben. Für sie gibt es keinen Ausweg aus ihrer metaphysischen Heimatlosigkeit, in ihrem Leiden keinen Trost: eine bittere Bilanz, ein herausragender Roman über unsere Zeit.

DIETER WELLERSHOFF:
Der Himmel ist kein Ort
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 304 Seiten, 19,95 Euro

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