Kurzrezension
Fred Vargas: Der verbotene Ort

In London stehen vor dem Friedhof Highgate aufgereiht siebzehn Schuhe, in denen Füße stecken, vermodert und verwest. Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, auf Dienstreise in der britischen Hauptstadt, stolpert fast darüber. In Paris wird seine Brigade criminelle kurz darauf zu einem Tatort in ein Haus gerufen, in dem von der Leiche nichts mehr zu sehen ist, denn sie wurde in mikrokleine Einzelteile zerstückelt.

Der Kommissar sieht eine Verbindung zwischen den beiden so abstrusen Vorfällen. Er nimmt die Spur auf, die ihn in ein serbisches Dorf führt, gerät in Lebensgefahr, doch es gelingt ihm, gegen alle äußeren und inneren Widerstände, auch diesen äußerst seltsamen Fall zu lösen – auf seine ganz eigene Art, die diesen Roman so außerordentlich lesenswert macht.

Dies ist nun schon der elfte Krimi der französischen Schriftstellerin Frédérique Audoin-Rouzeau, die sich den Künstlernamen Fred Vargas gegeben hat. Die Archäologin hält sich nicht an strukturierte, durchschaubare Gliederungen und berechenbare Spannungsbögen à la Donna Leon oder Elizabeth George – ihr Kommissar Adamsberg, behäbig in der Bewegung und mit moosigem Blick, mäandert gleichsam durch die Handlung, von Entdeckung zu Entdeckung, von Gespräch zu Gespräch. Dabei eckt er oft an, oft wird er nicht ernst genommen.

Nur sein Stellvertreter Danglard kennt ihn wirklich gut: „Wenn Adamsbergs verschleierte Augen sich in leuchtende Kugeln verwandelten, dann war er dicht an einem Wild oder einer Wahrheit dran.“Fred Vargas, die ihren Kommissar einen Wolkenschaufler nennt, hat einen wunderbar literarisch-eleganten Stil, der in der deutschen Übersetzung durch Waltraud Schwarze nichts verliert. Blutige Thrillermanie liegt ihr fern, ihre Bücher sind mehr als Krimis, fantasievolle Arabesken voller Beobachtungen, Beschreibungen, historischer Anspielungen und mit feinem Humor.

Es fällt schwer, sie aus der Hand zu legen. Die Vargas-Fangemeinde wächst, vermutlich noch mehr, wenn Ende September die ersten Verfilmungen im ZDF gezeigt werden. Was es mit den siebzehn Schuhen vor dem Londoner Friedhof auf sich hat, klärt Kommissar Adamsberg erst ganz am Ende auf. Verraten sei nur, dass es dieses Mal um Untote geht, um das Erbe der Vampire.

FRED VARGAS:
Der verbotene Ort Aufbau, Berlin 2009, 423 Seiten, 19,95 Euro

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